Überblick
Entstehung des Ortsvereins
Die Sozialdemokratie hatte es im Osten unseres Landes nicht leicht: Verboten während des Sozialistengesetzes 1878-1890, verboten während der Nazizeit 1933-1945 und während der DDR 1946-1989 – das sind immerhin 67 Jahre, in denen die sozialdemokratische Idee vom Gleichklang der Freiheit, Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit unterdrückt wurde.
Und doch hat die Sozialdemokratie – auch die in Wernigerode – bedeutende Spuren in der Geschichte hinterlassen: Das gilt für unsere Stadt zum Einen indirekt: Denn, um die sozialdemokratischen Ideen nicht weiter wachsen zu lassen, richtete Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode – später Vize-Kanzler unter Bismarck – für die gräflichen Arbeiter schon im Jahr 1873 den Prototyp des späteren von Bismarck landesweit eingeführten Sozialsystems aus Pensionskasse für Witwen und Invaliden und Krankenkasse ein.
Aber auch direkt hat die Stadt Wernigerode etwas Sozialdemokratisches zu bieten, das kein anderer Ort weltweit vorweisen kann: Volkshäuser und Volksgärten als Treffpunkte der sozialdemokratisch orientierten Einwohner und Vereine wurden in den 1890-er Jahren aus Mitgliedsbeiträgen der Sozialdemokraten erbaut. Das 1895 errichtete Volkshaus in Brüssel, gilt dabei als erstes Volkshaus der Sozialdemokratie, wie es auch im Fach-Buch „Die Zinnen der Partei“ heißt. Diese Aussage lässt sich nicht mehr halten, denn das erste nur aus Mitteln der Parteimitglieder errichtete sozialdemokratische Gebäude gibt es hier – in unserer Stadt! Der Volksgarten auf dem Hof an der Ecke Feldstraße / Schmatzfelder Straße (für die Wernigeröder: Zu DDR-Zeiten war dort die Stadtwirtschaft untergebracht) wurde im August 1893 eingeweiht und im Januar 1921 verkauft. Das Gebäude, das die hiesigen Gewerkschaften dann 1920/21 erwarben, das Hotel Monopol an der Westerntorkreuzung (heute AOK-Zentrale), gilt übrigens wiederum als erster Hotel-Besitz deutscher Gewerkschaften.
Doch Wernigerode hat noch mehr zu bieten: Bereits Im Januar 1921 vereinigten sich hier die USPD und die SPD – während dies in Deutschland erst offiziell im Herbst 1922 vollzogen wurde. Und noch eine Einmaligkeit: Im Dezember 1927 traten die vier Stadtverordneten der KPD geschlossen zur SPD über, weil sie mit der Politik der KPD-Führung, die die SPD und nicht die Nazis als Hauptgegner sah, nicht einverstanden waren.
Die Nazis sprachen noch 1931 resignierend von der bunten Stadt mit dem rötlichen Einschlag und die Kommunisten hatten es hier 1946 nach der Vereinigung von SPD und KPD zur SED, die viele Sozialdemokraten als Zwangsvereinigung empfanden, besonders schwer, sich gegen die aufmüpfigen, eine freiheitliche und soziale Grundordnung fordernden und zahlenmäßig fünffach überlegenen Wernigeröder Sozialdemokraten letztlich erfolgreich mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht, mit Verhaftungen, Drohungen und Vertreibungen durchzusetzen.
Als Leute wie Siegfried Siegel, Klaus-Peter Buchmann, Uwe Lemke, Joachim Dähnn, Wilfried Obermüller und Hans-Ulrich Werther am 2. Januar 1990 die Sozialdemokratie in unserer Stadt organisatorisch offiziell wieder gründeten, halfen nicht nur Genossen aus westdeutschen Ortsvereinen, sondern sogar die West-CDU bot ihre Hilfe an – man vertraute den Sozialdemokraten offensichtlich mehr als der DDR-CDU. So schrieb am 22.12.1989 der Kreisverband der Jungen Union aus Neustadt an der Weinstraße an den Magdeburger Sozialdemokraten Willi Polte und bot Unterstützung und Aufbauhilfe an. Willi Polte leitete diesen Brief aus unserer Partnerstadt hierher nach Wernigerode weiter.
Literatur
Die Chronik der Wernigeröder Sozialdemokratie (1848-2005)
„Die schwarze Grafschaft ist rot!“ oder „…die im Stande sind, alle Dinge nüchtern, kühl und sachlich zu betrachten.“

Autor: Ralf Mattern
Broschiert: 632 Seiten
ISBN-10: 3833435216
ISBN-13: 978-3833435218
im Buchhandel: 39,95 Euro
bei der SPD Wernigerode zum Selbstkostenpreis: 29,50 Euro
Kurzbeschreibung
Am 11. November 1900 wurde von Wernigeröder Sozialdemokraten beschlossen, den „sozialdemokratischen Wahlverein des Kreises Oschersleben-Halberstadt-Wernigerode in der Stadt Wernigerode“ mit einer „selbstständigen Filiale“ zu gründen – die offizielle Geburtsstunde des Ortsvereins der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Grund genug, eine Chronik – und damit eine weitgehend wertungsfreie Geschichte – der ältesten deutschen demokratischen Partei, ihre Kämpfe, Anhänger und Protagonisten und die Auswirkungen praktischer sozialdemokratischer Politik auf die kommunale Arbeit in der „bunten Stadt am Harz“ in Buchform zu erstellen.
Auf 632 Seiten findet der Leser interessante Informationen gerade auch zur Geschichte Wernigerodes in der Zeit zwischen 1848 und 2005. Wie war das mit der Revolution 1848 in der Stadt? Wie wurde in Wernigerode das Sozialistengesetz Bismarcks umgangen? Warum und wo bauten die Wernigeröder Sozialdemokraten das erste eigene Parteilokal? Welche Aktivisten der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung gab es im Harz? Wie stellten sich die Wernigeröder Sozialdemokraten zum Kriegsausbruch 1914? Welche Rolle spielten Sozialdemokraten in den (heutigen) Ortsteilen, wie Hasserode, Nöschenrode, Silstedt oder Benzingerode? Welche Personen gründeten 1918 den Arbeiter- und Soldatenrat? Wie wurde der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920 in Wernigerode befolgt und durchgesetzt? Wie kam es zur Abspaltung der USPD – und der späteren Wiedervereinigung mit der SPD in Wernigerode, die lange vor dem landesweiten Zusammenschluss erfolgte? Warum traten die kommunistischen Stadtverordneten geschlossen zur SPD über? Wie kam es hier zum relativ späten Aufstieg der NSDAP? Welche Rolle in öffentlichen Ämtern spielten Sozialdemokraten nach 1945 und wie geschah hier die (Zwangs-)Vereinigung von KPD und SPD? Wie kam es 1989 erst zur Gründung des Neuen Forums und später der Sozialdemokratischen Partei in Wernigerode? Welcher Sozialdemokrat ist! der am längsten in einem öffentlichen Amt in Wernigerode bestätigte?
Abgerundet wird das Buch mit einem umfangreichen Statistikteil über die Wahlen zum Reichs-, Bundes- und Landtag, zu den Kommunalparlamenten, dem Europaparlament – und selbstverständlich finden die sozialdemokratischen Abgeordneten auf allen Ebenen seit 1897 auch – soweit vorhanden – im Bild und mit ihren Lebensdaten Erwähnung. Außerdem: In dieser Form wohl einmalig werden alle Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie seit der Gründung des ADAV mit allen Abspaltungen aufgelistet.
1848 - 1869
24. März 1848: Zum ersten Mal wird die schwarz-rot-goldene Fahne auf dem Rathaus gehisst
Nach den revolutionären Ereignissen in Berlin kam es wie überall in Deutschland auch in der Grafschaft Wernigerode zu heftigen Bevölkerungsunruhen. Nahezu alle Gemeinden wandten sich mit „März-Petitionen“ an die gräfliche Regierung. Vor allem forderte man die Abschaffung noch vorhandener feudaler Lasten und die Beseitigung der Vorrechte des Grafen in der Gemeindeverwaltung, im Gerichtswesen, bei der Besetzung der Pfarrer-, Lehrer- und Schulzenstellen, in der Jagdausübung usw. Am 31. März nahm Graf Henrich mit einer Bekanntmachung zu den Petitionen Stellung. Er gestand lediglich zu, bei der Besetzung der Pfarrerstellen und der Ortsvorstände die Wünsche der Gemeinden zu berücksichtigen. Er galt als geschickter Taktierer, denn bereits am 24. März hatte der Graf auf die Anfrage des Bürgermeisters von Wernigerode, Wilhelm Julius Hertzer, ob auf dem Rathaus die Schwarz-Rot-Goldene Fahne gehisst werden dürfe, mit der Bemerkung geantwortet: Er fände es „nur angemessen“, wenn „diese Fahne aufgesetzt werde“ (Quelle: Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks; Verlag der Nation Berlin; 1986).
18. Februar 1869: „Gründung“ des ADAV in Wernigerode
Am 17. Februar erschien im „Wernigeröder Intelligenzblatt“ folgende Anzeige: Allgemeiner deutscher Arbeiter-Verein – Große öffentliche Versammlung der Mitglieder obigen Vereins auf Donnerstag, als den 18. d. M., Abends 7 Uhr, im Locale des Schützenwirths Herrn Henneberg zu Wernigerode, wozu sämmtliche Arbeiter, namentlich aber auch die Handwerker (Meister und Gesellen) von Wernigerode, Nöschenrode, Hasserode und der ganzen Umgegend hiermit freundlichst eingeladen werden. Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. Der Zutritt steht Jedem frei. Tagesordnung: 1. Die Noth der arbeitenden Klassen und Mittel, dieselbe zu heben. 2. Der Allgemeine deutsche Arbeiter-Verein, seine Tendenzen und seine Erfolge. Im Auftrage: C. Naters, Bevollmächtigter des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins. Halberstadt, den 15. Februar 1869.
Damit darf der 18. Februar 1869 als Geburtsstunde der sozialdemokratisch organisierten Arbeiterbewegung in Wernigerode gelten. Am 22.2.1869 trat der ADAV in Wernigerode zum zweiten Mal mit einer großen Versammlung an die Öffentlichkeit. Mit 600 Besuchern war der Saal des Schützenhauses überfüllt. Das „Wernigeröder Intelligenzblatt“ vom 27. Februar berichtete in belehrendem Ton: In den letzten Wochen haben sich hier Sendboten der socialdemokratischen oder Lasalle’schen Partei eingefunden, um hier für ihre Volksbeglückungspläne zu werben. Dem Vernehmen nach haben sich hier wirklich Anhänger gefunden, und sie haben hier einen Verein mit dem stolzen Namen „Allgemeiner deutscher Arbeiterverein“ gebildet, welcher am Montag, den 22. d. M. eine Versammlung seiner Mitglieder im Schützenhause gehalten hat. Da laut der öffentlichen Bekanntmachung im Intelligenzblatt nur Mitglieder des Vereins zu dieser Versammlung eingeladen waren, konnten wir nicht anwesend sein, und waren daher auch nicht in der Lage, dort die Anhänger dieser neuen Lehre von den großen und folgenschweren Irrthümern derselben zu bekehren… Danach wurde ein Artikel abgedruckt, der im in Berlin erschienenen „Social-Demokrat“ veröffentlicht worden war – natürlich nicht, ohne diesen abschließend zu kommentieren. Der Artikel des „Redakteurs Naters“ aus Halberstadt im „Social-Demokrat“ vom 23. Februar begann allerdings auch sehr euphorisch: In Wernigerode am Fuße des Harzes großer Sieg unserer Partei, vollständige Niederlage unserer Gegner. Vor acht Tagen hatte ich dort die erste Versammlung zusammenberufen. Der Erfolg war, daß sich 136 Mann einzeichnen ließen. Auf gestern war eine neue Versammlung von dem Herrn Fritz Jungk angesetzt. … Derselbe hatte indeß durch Expreßboten mich auffordern lassen, doch herauf zu kommen, da Hülfe sehr Noth thue; es stände alles auf dem Spiele. … Ich und der Zimmermann Herr Lampe von hier eilten nun nach dort. Die Versammlung war von mindestens 400 Personen besucht. Hunderte mußten wegen Mangels an Platz das Lokal verlassen. Unsere Gegner, welche von unserer Ankunft nichts wußten, hatten sich zahlreich eingefunden. Nachdem Herr Jungk die Versammlung eröffnet und einen kurzen Vortrag über den Zweck unseres Vereins gehalten hatte, trat ich auf, um zu sprechen. Ein freudiges Gemurmel lief durch die Reihen als es hieß: die Halberstädter sind da, während die Gegner sich entsetzten. … Das Resultat des Abends war, daß sich über 200 Mann noch einzeichneten, so daß die jetzige Mitgliederzahl unseres Vereins in Wernigerode 350 beträgt. Ich glaube, hinter einem solchen Resultate in einer Stadt von 7000 Einwohnern, muß manche große Stadt beschämt zurückstehen. … Der ersten Unterzeichnerliste sind hingegen folgende Daten zu entnehmen: Erster Unterzeichner in Wernigerode war der Zigarrenmacher Fritz Jungk am 18. Februar 1869. An jenem Tag unterzeichneten laut Liste weitere 26 Personen. Am 22. Februar unterschrieben auf dem vorliegenden Mitgliederverzeichnis 94 neue Mitglieder, am 1. März kamen weitere 44 Mitglieder hinzu, am 8. März noch einmal vier, am 13. März weitere fünf Mitglieder aus Wernigerode, Nöschenrode und Hasserode.
1. März 1869: Gründung des Maurer-Fachvereins im Rahmen einer ADAV-Versammlung
Ein Artikel im „Wernigeröder Intelligenzblatt“ befasst sich dann – konsequenterweise erkennt man die Verbindungen zwischen einer Arbeiterpartei und der gewerkschaftlichen Vertretung der Arbeiter – mit einem quasi gewerkschaftlichen arbeitenden und organisierten Fachverein, nämlich dem der Maurer, und mit den Vorteilen, die eine Mitgliedschaft im „Maurerfachverein“ für deren Mitglieder hat, z. B. wenn ein Mitglied „infolge seines Auftretens für die Arbeitersache brotlos wird“, so soll er Unterhalt aus den Vereinsmitteln erhalten und bei Arbeitseinstellungen, d. h. wenn die Maurer beschließen massenhaft zu feiern, um höheren Lohn von den Arbeitsherren zu erzwingen, so soll jedes frierende Mitglied täglich 10 Sgr. erhalten. Natürlich rät das „Wernigeröder Intelligenzblatt“ abschließend den Maurern – und nur in deren „Interesse“ – dem gegründeten Maurerfachverein nicht beizutreten, denn: Ja, wir fürchten, wenn es erst einmal bekannt wird, daß die Mehrzahl der hiesigen Maurer einem solchen Verein beigetreten ist, und daß sie damit gezeigt hat, wie sie zu solchen Arbeitseinstellungen geneigt ist, so wird dieser Umstand allein schon genügen, um manche Leute, welche jetzt zu ihrem Vergnügen oder aus Speculation bauen, ganz und gar davon abzuschrecken, und es wäre daher ein solcher Weg das sicherste Mittel, um dem Mauerergewerk und zugleich allen Bauhandwerken dauernden Schaden zu bringen… Also Vorsicht!
1870 - 1889
25. Februar 1883: Gründung des Volksbildungsvereins Wernigerode
Um das Verbot der SAP zu umgehen, gründeten sich überall „Volksbildungsvereine“, in denen auch politische Arbeit und Agitation betrieben wurde. Auf der ersten Versammlung des dort gegründeten „Volksbildungsvereins Wernigerode“ am 25.2.1883 im Schützenhaus, sprach der Hutmacher August Heine aus Halberstadt zum Thema „Unsere Gegner unter französischer Fremdherrschaft“ und über die Gründung einer Familienkasse. Die Veranstaltung war so gut besucht, dass nicht alle Teilnehmer Einlass fanden. Das „Wernigeröder Intelligenzblatt“ schrieb in seinem Lokalteil in dem ihm eigenen abschätzigen und bornierten Ton: Am Sonntag, den 25. d. M. hat hier Herr August Heine aus Halberstadt im Schützenhause einen öffentlichen Vortrag über „Unsre Gegend unter Französischer Fremdherrschaft 1806-13“ gehalten, zu welcher er die Bürger und Arbeiter, sowie die geehrten Damen von Wernigerode und Umgegend ganz ergebenst eingeladen hatte. Es war auch eine Dame erschienen, sonst aber die beiden Säle gestopft voll. Herr Heine hatte ein par Genossen aus Halberstadt mitgebracht, die neben ihm die geehrten Redner waren, zur rechter Zeit das Signal zum Beifallklatschen gaben, ihm den Dank der anwesenden aussprachen, seine „Familien-, Kranken- und Sterbe-Unterstützungskasse anpriesen und empfahlen und die Namen der Abonennten auf das Sonntagsblatt notirten. Eine alte Nr desselben vom 14. Januar wurde jedem beim Einritt zur Probe gegeben, in der die Not der Rheinüberschwemmten geschildert wird. … Es scheint, als wenn es die Absicht des geehrten Redners gewesen, schon auf diese Art einleitend in den anwesenden die Gefühle der Verlassenheit, des Elends und der trostlosen Schlechtigkeit der höheren Stände zu erwecken, da in seinem Vortrage in recht sozialdemokratischer Weise fortwährend auf diese gestichelt wurde. Die Greuel der Französischen Revolution, der Soldatenverkauf nach Amerika vor mehr als 100 Jahren, Steuerfreiheit des Adels, Prügelstrafe, Folter wechselten in holdem Durcheinander mit Freiheits- und Gleichheits-Redensarten, so daß jedem urteilslosen die Sinne vor Angst vergehn müssen, im Schrecken, daß nun die Reaktion mit Folter und Menschenfleischhandel, Prügel und Adelssteuerfreiheit sogleich hereinbrechen würde – wenn nicht Herr August Heine da wäre – Es war ein jämmerlicher Anblick, die Menschen Beifall klatschen zu sehn, wenn einer von den Halberstädter Machern das Zeichen dazu gab. Ebenso einer dankte auch dem geehrten Redner, der mit lauter Stimme im Zeichen seines Angesichts sein Blech klapperte, im Namen der anwesenden für die erquickende Rede und brachte ein Hoch auf ihn aus, das willige Aufnahme fand. Alsdann kam es zum zweiten Teil des Geschäfts, der Stiftung einer „Familien-Krankenkasse“. Man muß das Gute nehmen, wenn es geboten wird, woher es auch komme. Eine dergleichen Kasse wirkt gewiß, wie jede andre Unterstützungskasse, deren wir hier ja recht viele und gut geleitete haben – recht woltätig, vorausgesetzt, daß ihre Statuten richtig und gut sind, zu welchem Zwecke sie von der Aufsichtsbehörde bestätigt werden müssen. Dann ist nötig, daß die Berechnung, welche der Einnahme und Ausgabe zu Grunde gelegt ist, richtig sei; – daß die Verwaltung und Beaufsichtigung der Kasse sachverständig, treu und strenge sei, und daß die Teilnehmer mit ihren pflichtmäßigen Beiträgen nicht zurückbleiben. Ist das alles nicht der Fall, so ist bald Zank und Stank dabei, wie gegenwärtig in Halberstadt. Und das kann hier auch ohne den Herrn August Heine besorgt werden. Derselbe, offenbar gestärkt durch die freundliche Aufnahme, versprach bald wiederzukommen, um eine Rede über die Stein-Hardenbergsche Gesetzgebung zu halten. Mittlerweile empfahl er sein Sonntagsblatt, – in welchem nichts als böse Verhetzung zu finden ist und – das Lob des Herrn August Heine. Merkst du was? Der Hutmacher ist ehrgeizig. Einmal ist er als Reichstagskandidat schon durchgefallen. Was schadet das? Ein andermal machen wir es besser, – und was gemacht werden kann, wird gemacht. Ueber zwei Jahre wird ja wieder gewählt.Offenkundig empfanden die Anwesenden die Veranstaltung etwas anders als der Berichterstatter des „Wernigeröder Intelligenzblattes“, denn: Das Ergebnis dieser Versammlung war die Bildung eines einstweiligen Komitees aus allen Berufsklassen in der allerdings die Zigarrenarbeiter trotzdem überwogen, zur Gründung eines Volksbildungsvereins.
21. Juli 1883: Erste große sozialdemokratische Demonstration
Am 21. Juli 1883 kam es in Wernigerode zu einer großen und viel beachteten Demonstration: 600 Halberstädter Parteigenossen machten unter Vorantragen eines roten Regenschirms eine „Harzpartie nach dem Lindenberg, dem Mühlental und nach Hasserode, wo sie im Deutschen Kaiser endete“. Das „Wernigeröder Intelligenzblatt“ verurteilte diese Kundgebung und insbesondere den Veranstalter August Heine. Es schrieb: Am vergangenen Sonntag (21.) morgen traf hier von Halberstadt Herr August Heine mit seinem „Volksbildungsverein“ ein, um ein Fest mit dem „Hasseröder Volksbildungsverein“ gemeinschaftlich zu feiern. Wir kennen die Mitglieder dieser sogenannten „Volksbildungsvereine“ nicht und enthalten uns deshalb der Beurteilung, in wie weit ihnen Kräfte zu Gebote stehn, dem vorgeschobenen edlen Zweck zu dienen. Im allgemeinen sind wir der Ansicht, daß die Fürsorge des Staats zu diesem Zwecke vollkommen genügt; bekannt ist außerdem, daß das durch die Gesetze verhinderte öffentliche Auftreten der sozialdemokratischen Gesellschaften durch allerlei äußerlich harmlose Vereinigungen ersetzt werden soll. Offenbar war das auch der Zweck der am Sonntag ausgeführten Demonstration, die in Ermangelung der roten Fahne, mit einem großen roten Regenschirm prangte, welcher abends mit Laternen bekränzt war. Es ist das eine nicht mehr unschuldige, sondern geradezu bewußt herausfordernde Spielerei mit dem Feuer, die mehr als geeignet ist, den Frieden in der Gemeinde zu stören, wenn z. B. die Leidenschaften eines von einem ehrgeizigen Manne angeschürten Wahlkampfes hinzutreten. Es befanden sich unter der aus Halberstadt eingerückten Schaar von, wie es heißt, gegen 600 Personen, viele Frauen und Kinder und halbwüchsige Jungen. Das Blatt verstieg sich zu der Drohung: Wir machen den Herrn August Heine, der als Veranstalter der Demonstration die Verantwortung zu tragen hat, darauf aufmerksam, daß wir hier eine sehr gut organisierte freiwillige Feuerwehr haben, die – unter Umständen! – auch gefährliches Feuer in den Köpfen zu löschen bereit sein wird. Sonst verlief die Expedition harmlos. Einige, aus sicherer Ferne gegen die Ortspolizei ausgesprochene fromme Wünsche, wie „Schlagt ihn tot, haut ihn zu“ bezeugten allerdings, daß mehr Bildung in diesem Verein sehr not tut. Im weiteren Verlauf wird über ein „gemütliches Familienfest“ der Nöschenröder Feuerwehr und des Männerturnvereins berichtet, nicht ohne allerdings mit dem letzten Satz noch einmal die Demonstration zu verunglimpfen: Unter dem Schirme der allgemeinen Achtung, die diese Vereine (Feuerwehr und Turnverein – R. M.) stets sich zu erhalten bestrebt sind, bedürfen sie nicht der Demonstration mit dem aus Halberstadt importirten roten Narrenschirm.
1890 - 1900
2. Oktober 1890: Die Sozialdemokraten feiern das Ende des Sozialistengesetzes im „Fürst Bismarck“
Dass die Sozialdemokraten durchaus auch hintersinnig (z. B. das Ende des von Bismarck initiierten „Sozialistengesetzes“) feiern konnten, beweist die Meldung im „Wernigeröder Intelligenzblatt“ vom 2. Oktober 1890: Das Erlöschen des Sozialistengesetzes werden die hiesigen Sozialdemokraten heute abend im Saal der Frau Pleiser, Hasserode, (Fürst Bismarck) durch eine Volksversammlung feiern, in welcher Herr W. Wenzel aus Halberstadt als Festredner auftreten wird.
3. Mai 1891: zum ersten Mal wird der 1. Mai offiziell gefeiert: auf Papenannecken, einer Wiese
Nachdem im Jahr 1890 die erste Maifeier kurzfristig ausfallen musste, weil das vorgesehene Lokal sich nicht in der Lage sah, die Versammlung auszurichten, war es offensichtlich erneut nicht möglich, ein Lokal für die Feier zu finden. So wurde durch „das Comitè“ dieses Mal per Anzeige darauf aufmerksam gemacht, dass das grosse Arbeiter-Familienfest verbunden mit Unterhaltungsmusik und Gesangsvorträgen, unter gefälliger Mitwirkung des Gesangs-Vereins Liederbund am Sonntag, den 3. d. Mts., von nachmittags 3 ½ Uhr an auf Papenanneken stattfinden wird. Für kochendes Wasser zum Kaffeekochen wird Sorge getragen werden. Zutritt Jedermann gestattet. Um zahlreiche Beteiligung bittet das Comitè.
Offensichtlich hatte im Vorfeld das „Wernigeröder Intelligenzblatt“ vor der Veranstaltung mit unhaltbaren Behauptungen gewarnt. Jedenfalls sah sich „das Comitè“ in der Anzeige, die im „Wernigeröder Tageblatt“ am 1. Mai abgedruckt wurde, genötigt, auf folgendes hinzuweisen: Eine Beteiligung von außerhalb, wie solche vom hiesigen „Intelligenzblatt“ in Aussicht gestellt wurde, findet nicht statt, ebenso wenig werden Ansprachen gehalten, oder Resolutionsabstimmungen vorgenommen werden.In der gleichen Zeitung am selben Tag sah sich auch Albert Bartels unter der Überschrift „Berichtigung“ genötigt, eine Gegendarstellung zu einem Bericht im „Wernigeröder Intelligenzblatt“ als Anzeige zu veröffentlichen: Das „Wernig. Int.-Blatt“ bringt in seiner letzten Nummer einen Bericht über das voraussichtliche Programm der hiesigen Maifeier. Wir erklären hiermit, daß das ganze Programm, wie es in dem Blatte entwickelt ist, der Wahrheit nicht entspricht. Es werden weder Ansprachen gehalten, noch über eine Resolution abgestimmt werden, ebenso unwahr ist es, daß von außerhalb (Blankenburg) sich Festteilnehmer einfinden werden, nicht einmal der Beginn des Festes ist richtig angegeben. Der ganze Artikel ist also weiter nichts, als pure Dichtung, ein reines Fantasieprodukt des Verfassers, dessen Erfindungstalent allerdings bewundert werden muß. Und der Zweck des Artikels? Nun, der ist so durchsichtig, daß ein näheres eingehen darauf überflüssig erscheint. Im Auftrage Albert Bartels.
Zur Maifeier selbst schrieb das „Wernigeröder Tageblatt“ am 4. Mai: Die diesjährige Maifeier der Arbeiter unserer Stadt kann man mit vollstem Recht als eine nach allen Seiten hin befriedigende und gelungene bezeichnen. Der Festort war der idyllisch gelegene Waldplatz „Papenanneken“, woselbst sich gegen 4 Uhr nachmittags eine sehr zahlreiche Volksmenge versammelt, welche, aus Handwerkern und Arbeitern aller Berufe mit ihren Familien bestehend, den ganzen Platz vollständig füllte. Bald hatten sich überall plaudernde und scherzende Gruppen gebildet, welche sich teils im Walde gelagert hatten und teils den engeren Festplatz besetzt hielten. Für die leiblichen Bedürfnisse der Anwesenden war ausreichend Sorge getragen; während für die kaffeetrinkenden Hausmütter und deren Kinder kochendes Wasser zur Bereitung des edlen Mokka in Menge vorhanden war, belagerte das stärkere Geschlecht das improvisierte Buffet und leistete quantitativ im Trinken des Lagerbieres aus der Brauerei Schreyer Außerordentliches (es sollen zwei Wagenladungen vollständig „alle“ geworden sein). Selbstverständlich war auch Musik anwesend und gefielen insbesondere allgemein die einzelnen gesanglichen Vorträge des Vereins „Liederbund“. So verstrich denn unter Plaudern, Scherzen, Gesang und – trinken der Nachmittag, welcher sich auch durch prächtiges Frühlingswetter auszeichnete, bis die Feier nach der 7. Abendstunde ihren Abschluß fand, ohne daß irgendwie ein von gewissen ängstlichen Gemütern befürchteter „Zwischenfall“ vorgekommen wäre und die anwesenden sechs Wächter des Gesetzes hätten einschreiten müssen. – Alles in allem genommen muß jeder Unbefangene die Feier als eine in allen Teilen gelungene bezeichnen, fern von jedem politischen Gepräge bot sich thatsächlich das Bild eines großen Familienfestes und zeigte auf’s neue, daß in den Arbeiterkreisen unserer Stadt ein durchaus ruhiger und friedlicher Sinn herrscht.Auch wenn diese Maifeier offiziell unter der Überschrift „Familienfest“ firmierte, war es doch die erste gelungene von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft ausgerichtete Maifeier in der Stadt Wernigerode.
20. Dezember 1891: Gründung des Wernigeröder Volksbildungsverein
Am 20. Dezember 1891 wurde der „Wernigeröder Volksbildungsverein“ gegründet. Der Vorstand bestand aus: Vorsitzender: Albert Bartels, Kassierer: Friedrich Gerecke, Schriftführer: Carl Krüger. Dieser Verein war der Vorläufer des „Volksgartenvereins“, aus dem die Parteiortsgruppe hervorging.
Das eingereichte Statut war recht kurz verfasst, beschrieb aber trotzdem prägnant die Ziele des Vereins:
Statut des Wernigeröder Volksbildungsvereins
- 1 Der Verein beabsichtigt das Wissen seiner Mitglieder durch geeignete volksthümlich gehaltene und belehrende Vorträge, Leseabende, Errichtung einer Bibliothek etc. zu erweitern und die Geselligkeit durch Abhaltung von Vereinsvergnügungen zu pflegen.
- 2 Mitglied kann jeder unbescholtene Arbeiter jeden Berufes werden.
- 3 Der Vorstand besteht aus 3 Personen: Vorsitzende, Kassierer und Schrift-Führer; derselbe wird alljährlich durch Stimmzettel gewählt.
- 4 Der vierteljährlich zu zahlende Beitrag beträgt 10 Pf.
1. Mai 1893: Grundsteinlegung zum Volksgarten
Wie in den Jahren zuvor konnten die Wernigeröder Sozialdemokraten keinen hiesigen Wirt dafür gewinnen, die Maifeier auszurichten. Jedoch: Das Volkshaus, der „Volksgarten“ Ecke Feldstraße/Schmatzfelder Straße, war in seinen Grundfesten fertig gestellt. Den 1. Mai 1893 feierte man deshalb dort und verband dies mit der Grundsteinlegung am Abend. In den Grundstein wurde ein Exemplar des „Vorwärts“, ein Exemplar der Maifeierzeitung, die Mai-Nummer des „Wahren Jacob“, ein Exemplar der Schrift „Die Zukunftsdebatten im Deutschen Reichstag“, und eine kurze von Albert Bartels verfasste Abhandlung über die Entwicklung der Organisation der Arbeiter vor Ort gesteckt.
- August 1893: Einweihung des Volksgartens
Wernigerode hat viele markante Gebäude: Ob das Gadenstaedtsche, das Krummel, das kleinste oder das Rathaus: Diese und viele andere Häuser finden sich in den Fotoalben unzähliger Urlauber wieder. Ungeachtet von Touristen und auch den meisten Einheimischen unbekannt wird am 20. August ein Gebäude 115 Jahre alt, das trotz seines vergleichsweise geringen Alters einen beachtlichen historischen Hintergrund mit europäischer Bedeutung hat: Der Volksgarten. Das Haus auf dem Hof Ecke Feldstraße/Schmatzfelder Straße war das erste sogenannte „Volkshaus“ der deutschen Sozialdemokratie.
Nach dem Ende des „Sozialistengesetzes“ 1890 begann im Deutschen Reich von den Sozialdemokraten die Planung für die Schaffung von „Volkshäusern“, „Volksparken“ und Volksheimen“. Im „Volkshaus“ sollten die sozialdemokratischen Organisationen einen gesicherten Ort bekommen, dort sollten Versammlungen stattfinden, eine Gastronomie sollte für preiswertes Essen und Trinken sorgen. Nach Christoph Lehmann (Buch: „Die Zinnen der Partei“, Vorwärts-Buchverlag, 2005) stellte das „Maison du Peuple“, das 1895 von der Sozialdemokratischen Partei Belgiens errichtet wurde, das „Muster für die in den folgenden Jahren … gebauten Volkshäuser“ dar. Dass in Wernigerode bereits zwei Jahre zuvor ein solches Haus der Sozialdemokratie eingeweiht wurde, war auf Nachfrage auch ihm, der zur Zeit Geschäftsführer der SPD-eigenen Parteihäuser ist, bisher nicht bekannt.
Die Partei fand auch für die öffentlichen Versammlungen zur Reichstagswahl 1893 keinen Versammlungsraum. Trotzdem erbrachten die Wahlen einen Erfolg: Der Kandidat der Sozialdemokratie, Robert Dahlen aus Halberstadt, zog in die Stichwahl am 24. Juni. Allerdings musste Robert Dahlen seine Wahlversammlung im Rohbau des „Volksgartens“ abhalten.
Das „Wernigeröder Tageblatt“ schrieb dazu am 23. Juni: Eine öffentliche Wählerversammlung war für gestern Abend seitens des sozialdemokratischen Wahlkomitees nach dem ehemaligen Schmelzer´schen Sägemühlen-Grundstück einberufen worden. Das Lokal, wenn auch erst im Rohbau vollendet, machte einen recht guten Eindruck und gewährte wohl 500-600 Personen Raum. Herr Maler Bartels eröffnete die Versammlung um 8 1/2 Uhr und hieß die Erschienenen im neuen Lokal willkommen; er führte aus, daß den Sozialdemokraten seitens der hiesigen Lokalinhaber ein Saal zur Abhaltung von Versammlungen seit längerer Zeit verweigert worden sei; hierdurch sein man veranlaßt worden, ein Grundstück zu erwerben und auf diesem das eigene Versammlungslokal zu erbauen; er hoffe, daß sich die Genossen in demselben recht häufig zusammenfinden und recht wohl fühlen möchten und schloß mit einem Hoch auf die Sozialdemokratie aller Länder.
Am 20. August war der Bau des „Volksgarten“ fertig gestellt. Das Lokal wurde von der Sozialdemokratischen Partei gebaut und war deren Eigentum. Der „Volksgarten“ war nicht gewerkschaftlicher Besitz. Die Einweihungsfeier wurde unter dem Ehrenpräsidium des 78 Jahre alten Karl Auerswald, eines sozialdemokratischen Veterans aus Hasserode, eröffnet. Die Versammlung war nicht öffentlich. Karten konnte man erwerben bei den sozialdemokratischen Aktivisten Wilhelm Niewerth, Hermann Spankow, Friedrich Schildknecht und Albert Bartels. Robert Dahlen aus Halberstadt hielt die eigentliche Ansprache, nach einleitenden Worten von Albert Bartels, der an die anfänglichen Schwierigkeiten beim Bau erinnerte. Dahlen sagte, dass Wernigerode als kleine Stadt als erste ein aus Mittel der Parteiangehörigen errichtetes Volkshaus haben. Der Saal fasste 300 Personen, der Garten mehr als 1000 Personen. Die Verwaltung des Wirtschaftsbetriebs lag in der Hand eines gebildeten Vereins, des „Verein Arbeitercasino Wernigerode a. H.“.
3. März 1894: Gründung des „Sozialdemokratischen Diskutierklubs im Volksgarten“
Am 3. März 1894 bildete sich der „Sozialdemokratische Diskutierklub im Volksgarten“. Dies wurde der Polizeibehörde mit folgendem Schreiben mitgeteilt:
Wernigerode den 4/3. 94
An die Polizeiverwaltung Wernigerode
Ueberreiche unter Nachstehendem, Statut und Mitglieder-Verzeichniß des am 3 ten des Mts. im Volksgarten gegründeten sozialdemokratischen Diskutir Club.
- 1. Derselbe stellt sich die Aufgabe, das politische Wissen seiner Mitglieder zu erweitern, durch Abhaltung von öffentlichen Versammlungen und Diskussionsabenden in welchen politische Fragen erläutert werden sollen.
- 2. Mitglied kann jede unbescholtene Person werden, sofern dieselbe in keinem Lehrverhältniß steht.
- 3. Der monatliche Beitrag kostet Mk 0,10. Eintrittsgeld wird nicht erhoben.
- 4. Versammlungen finden jeden Sonnabend statt im Volksgarten und beginnen Abends.
- 5. Der Vorstand besteht aus einer Person als Geschäftsleiter und wird alljährlich gewählt.
Mitglieder – Verzeichniß
a.) Vorstand A. Hecht Geschäftsleiter
b.) Mitglieder
1) Spankow Hermann Wernigerode
2) Bode Andreas Wernigerode
3) Bartels Albert Wernigerode
4) Richter Gustav Wernigerode
5) Niewerth Wilhelm Wernigerode
6) Hahne Gottlieb Wernigerode
7) Schildknecht Fritz Wernigerode
8) Hahne Heinrich Wernigerode
9) Tallig Karl Wernigerode
10) Auerswald Karl Hasserode
11) Oberbeck Christian Hasserode
12) Schünemann Zacharias Hasserode
Unter Hinweis auf das Statut theile ich ergebens mit, daß unsere Versammlungsanzeige erst dann erfolgt, wenn die Versammlungsabende verlegt werden.
Der Geschäftsleiter
- Hecht
Dieser Diskutierklub war die Keimzelle des späteren Ortsvereins. Von den elf (ersten) Mitgliedern des Klubs gehörten acht zu den Gründern des Ortsvereins im Jahr 1900.
Die Polizeibehörde bestätigte am 5.3. die Anmeldung des Diskutierklubs, verwechselte dabei die Abkürzung des Vornamens des Geschäftsführers (H. statt A.) und legte gleich erst einmal neue Akten an:
- 5. 3. 94
An Herrn H. Hecht
Geschäftsleiter des sozialdemokratischen Diskutir – Klubs
hier
Wir bescheinigen hierdurch den Empfang der Anzeige über die Gründung des sozialdemokratischen Diskutir – Klubs, der Statuten und des Mitgliederverzeichnisses desselben, sowie die Anzeige über die an jedem Sonnabend abzuhaltende Versammlung.
(Vermerk – R. M.)
Neue Acten über den sozialdemokratischen Diskutir – Klub.
15. Juni 1984: Arbeiter-Turn-Verein „Vorwärts“ gründet sich
Solche Organisationen im Umfeld der Sozialdemokratischen Partei banden das Milieu an die Sozialdemokratie und stärkten letztlich den Zusammenhalt unter den sozialdemokratisch denkenden Leuten. Dass das „Vereinslokal“ des Turnvereins der „Volksgarten“ war, war kein Zufall. In den kommenden Jahren war der Volksgarten Mittelpunkt der Wernigeröder Arbeiterbewegung und Ort unzähliger Veranstaltungen. Wie das aussah, zeigt folgendes Beispiel:
Statut des Arbeiter Turn Vereins „Vorwärts“
zu Wernigerode
Gegründet am 15. Juni 1894
Zweck des Vereins
- 1. Zweck des Vereins ist, seine Mitglieder zu körperlich und geistig kräftigen Männern heranzubilden und unter sich den echt brüderlichen und turnerischen Geist und Sinn zu pflegen. Diese Zwecke sucht der Verein zu erreichen: Durch Turnübungen, Vergnügungen und geselligen Zusammenkünften.
Mitgliedschaft, Beitrag
- 2. Der Verein unterscheidet active und passive Mitglieder. Mitglied des Vereins kann jeder werden, welcher das 18. Lebensjahr zurückgeleget und keinerlei ehrlose Handlungen begangen. Das Einschreibegeld beträgt 75 Pf. der monatliche Beitrag 20 Pf. Vom Einschreibegeld ist entbunden, wer bisher Mitglied eines zum Deutschen Arbeiterbunde gehörenden Vereines war und seine Mitgliedschaft nachzuweisen vermag.
- 3. Die Anmeldung zum Verein geschieht beim Vorsitzenden und hat derselbe, nachdem der Angemeldete 3 Turnabende besucht, die Ballotage (altes Wort für Abstimmung – R. M.) über denselben zu veranlassen.
- 4. Der Vorstand besteht aus 4 Personen und wird alljährlich durch Stimmzettel gewählt. Wiederwahl ist zulässig. Absolute Mayorität entscheidet. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Loos.
Der Vorstand besteht aus:
- Dem Vorsitzenden
- Dem Kassenwart
- Dem Schriftwart und
- Dem Turnwart.
Vorsitzender.
Der Vorsitzende leitet die Vereinten in Vorstandsversammlungen, er hat den Verein nach innen und außen zu vertreten, ist verpflichtet, alle Versammlungen einzuberufen und weist Zahlungen an bis zur Höhe von 10 Mk.
Kassenwart.
Der Kassenwart hat die Beiträge einzuziehen und auf Anweisung des Vorsitzenden Zahlung zu leisten. Vierteljährlich hat er der Versammlung eine Abrechnung zu unterbreiten, welche durch zwei von der Versammlung gewählte Revisoren geprüft werden muß.
Schriftwart.
Der Schriftwart übernimmt im Allgemeinen die schriftlichen Arbeiten und hat in den Versammlungen das Protokoll zu führen.
Turnwart.
Der Turnwart hat die Turnübungen zu leiten und führt die Aufsicht über die Geräte und Utensilien des Vereins.
Austritt.
- 5. Der Austritt aus dem Verein steht jederzeit frei, die Beitragspflicht erstreckt sich in diesem Falle bis auf den laufenden Monat.
Ausschluß
- 6. Aus dem Verein kann ausgeschlossen werden:
Wer länger als 3 Monate mit seinen Beiträgen trotz schriftlicher Mahnung des Vorstandes im Rückstande bleibt.
Den Anordnungen des Vorstandes nicht nachkommt.
Wer durch sein Auftreten und Verhalten den Interessen des Vereins zuwider handelt. Nur die Versammlung ist berechtigt über den Ausschluß eines Mitgliedes zu beschließen.
Turnstunden.
- 7. Allwöchentlich findet ein Turnabend statt. Mitglieder, welche am Erscheinen verhindert, haben sich beim Turnwart zu entschuldigen.
Vereinslokal.
- 8. Als Vereinslokal ist der Volksgarten bestimmt. Die für Benutzung derselben zu zahlende Miete wird alljährlich mit dem Verwalter des Lokals festgesetzt.
Auflösung
- 9. Der Verein kann nur aufgelöst werden, wenn die Mitgliederzahl unter 8 sinkt. Das vorhandene Vereinsvermögen und die Geräthe und Utensilien hat die Verwaltung des Volksgartens in Aufbewahrung zu nehmen, bis sich ein neuer Arbeiter Turn Verein auf Grund dieses Statuts bildet. Sollte dieses nach Verlauf von mindestens fünf Jahren nicht geschehen, so hat die Verwaltung des Volksgartens freies Verfügungsrecht über das bisherige Vereinsvermögen.
Turn Ordnung
1.Jeder Turner hat den Anordnungen des Turnwarts und der Vorturner Folge zu leisten.
2.Nur die Uebung, welche der Vorturner vorgeturnt, darf gemacht, mindestens muß sie aber versucht werden.
3.Während des Turnens darf nicht geraucht werden.
4.Nur Mitglieder und von diesen Eingeführte dürfen den Turnplatz betreten.
5.Geräthe, welche vorsätzlich oder muthwillig beschädigt, müssen ersetzt werden.
6.Die Turnstunden finden jeden Sonnabend Abend 8 Uhr im Volksgarten statt.
Wernigerode, den 15. Juni 1894
Der Vorstand
29. November 1897: Wahl des ersten sozialdemokratischen Stadtverordneten Albert Bartels
Die hiesige Sozialdemokratie beteiligte sich erstmals an den Stadtverordnetenwahlen. Bei den Wahlen am 8.11.1897 erhielt der Kandidat Albert Bartels 110 Stimmen in der Dritten Wahlabteilung. In der nötigen Stichwahl erhielt Bartels am 29.11.1897 175 Stimmen und wurde damit als erster sozialdemokratischer Stadtverordneter gewählt.In einer Anzeige, die ohne Namen zu nennen von „Mehreren Bürgern“ unterzeichnet wurde, hieß es am 28.11.1897 im „Wernigeröder Tageblatt“: Mitbürger! Wenn Sie wollen, daß bei der Stadtverordneten-Wahl am nächsten Montag die richtigen Vertreter gewählt werden, so geben Sie Ihre Stimme solchen Bürgern, die unabhängig dastehen und sich von keiner Seite beeinflussen lassen werden, solchen Bürgern, die stets den Fortschritt unserer städtischen Verhältnisse im Auge haben werden. Wählen Sie daher Mann für Mann: Malermeister Albert Bartels, Rentier Wilhelm Mensing und als Ersatzmann Sattlermeister Ernst Springer.Dass Albert Bartels damals ein bekannter Sozialdemokrat war, dürfte vielen – trotz des neutralen Charakters der Anzeige – durchaus bewusst gewesen sein. Die anderen beiden Kandidaten gehörten hingegen nicht zur Sozialdemokratie.
November 1900: Gründung des sozialdemokratischen Wahlvereins in Wernigerode
Mit Datum 10. November 1900 schrieb Albert Bartels:
An die Polizeiverwaltung Wernigerode: Sonntag Nachmittag 5 ½ Uhr findet im Volksgarten eine öffentliche Versammlung der Zahlstelle Wernigerode des Sozialdemokratischen Wahlvereins für Halberstadt, Oschersleben, Wernigerode statt.
Der Empfang des Schreibens wurde bescheinigt.
Am 11.11.1900 traten die Parteigenossen von Wernigerode im „Volksgarten“ zusammen, um dem neuen Statut Rechnung zu tragen. Einstimmig wurde beschlossen: Aufgrund des Beschlusses des Mainzer Parteitages vom 19. – 21. September 1900 und der Kreiskonferenz für den Wahlkreis Oschersleben-Halberstadt-Wernigerode vom 23. September 1900 in Halberstadt und des Beschlusses der Statutenberatungskommission, wird heute gemäß der in der Volkszeitung, Nr. 6 vom 7. Oktober veröffentlichten Satzung für den sozialdemokratischen Wahlverein des Kreises Oschersleben-Halberstadt-Wernigerode in Stadt Wernigerode eine selbstständige Filiale gegründet.
Die Leitung übernahmen Albert Bartels, Karl Fricke und Karl Husung. Weiterhin sind die Namen folgender Gründungsmitglieder überliefert: Karl Auerswald, Wilhelm Böhme, Karl Brämer, Karl Fischer, Ernst Foltis, Friedrich Gerecke, Karl Gerloff, Friedrich Grimpe, Heinrich Groß, Gottlieb Hahne, August Herold, Ludwig Herzer, Karl Hohmann, Karl Jonas, Karl Krüger, Ernst Kurzberg, August Mayhack, Wilhelm Niewerth, Christian Oberbeck, Gustav Richter, Albert Riemenschneider, Friedrich Schildknecht, Ferdinand Schubbert und Hermann Spankow
1901 - 1910
November 1903: Stadtverordnetetenwahlen
In einer Parteiversammlung am 6. November 1903 sagte Albert Bartels daß als die Kandidaten für die Stadtverordnetenwahlen seitens der Arbeiter und der Partei nur Männer in Frage kommen könnten, die im Stande sind nüchtern, kühl und sachlich alle Dinge zu betrachten, sich nur von sachlichsten Gesichtspunkten leiten zu lassen, weil es sich bei der Behandlung aller Fragen in der Gemeinde nicht um solche für eine bestimmte Klasse oder Interessengruppe, sondern um das allgemeine Wohl aller Bürger der Stadt und ihrer Fortentwicklung handelt. Mitarbeit in der Gemeinde ist keine Nuringegenwartsarbeit, sondern auch eine solche für kommende Geschlechter, die die Überlegungen der Altvorderen aus der geschichtlichen Entwicklung prüfen und betrachten und zu keiner Verurteilung kommen dürfen.
Am 7.11. 1903 berichtete das „Wernigeröder Tageblatt“ über die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen für einen Teil der Stadtverordnetenversammlung wie folgt weiter von jener Parteiversammlung: In der am Sonnabend im „Volksgarten“ stattgefundenen Versammlung zur Stadtverordnetenwahl gab Herr Stadtverordneter A. Bartels zunächst einen Bericht über seine 6jährige Tätigkeit als solche-. Er wies darauf hin, daß man es allen Menschen nicht recht machen könne, er habe sich lediglich von seiner Ueberzeugung leiten lassen, unbekümmert darum, ob er nach oben oder nach unten Anerkennung finde. … Neu in seinen Ausführungen war wohl die Ansicht, daß man, bevor mit der Neupflasterung der Straßen fortgefahren würde, noch einmal eingehend die Frage der Kanalisation erörtert werden müsse. Da sich die Neubauten in den Vorstädten fortwährend vermehrten, sei auch die Frage der Entwässerung dieser Stadtteile eine brennende. Die Stadt würde, wenn sie sich nicht freiwillig dieser Aufgabe entledige, jedenfalls durch die Regierung dazu gezwungen werden, eine Kanalisation anzulegen. Da wäre es denn notwendig, schon jetzt – ehe man noch mehr Straßen pflastere, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Auf Anfrage des Versammlungsleiters Herrn Niewerth erklärte man sich mit der Tätigkeit des Referenten als Stadtverordneter voll und ganz einverstanden. Nachdem noch als Kandidaten die Herren Stadtverordneter A. Bartels, Maurer Gottlieb Hahne und Zimmermann Friedrich Gerecke gewählt waren, erfolgte um 11 Uhr der Schluß der Versammlung. Am Tag der Wahl wurde auch bereits das Wahlergebnis veröffentlicht. Demnach waren die Wernigeröder Sozialdemokraten nunmehr zu dritt in der Stadtverordnetenversammlung. Albert Bartels erhielt 183 Stimmen, Friedrich Gerecke 161 und Gottlieb Hahne 158 Stimmen. Alle drei kandidierten in der dritten Wahlabteilung, für die Wähler zugelassen waren, die weniger als 193 Mark und 55 Pfennig jährlich an Steuern zahlten (für die 2. Wahlabteilung waren Steuerzahler zugelassen, die zwischen 193,55 Mark und 620,40 Mark jährlich Steuern entrichteten, für die erste Abteilung die Steuerzahler oberhalb von 620,40 Mark jährlicher Steuer).
30. August 1906: Aus einem Polizeibericht
Der Polizeibericht zu einer SPD-Versammlung am 30.08.1906 lautete wie folgt: Bericht.
Die Versammlung hat stattgefunden und ist von mir überwacht. Dieselbe war von 40 männlichen und 2 weiblichen Personen besucht und wurde vom Einberufer um 9 Uhr eröffnet. Jedem Eintretendem wurde je ein Exemplar des beigefügten Flugblattes und Aufnahmescheines verabfolgt. Nachdem der Einberufer sein Bedauern über den schlechten Besuch der Versammlung ausgesprochen hatte, wurde das Büreau gewählt und zwar als erster Vorsitzender Zigarrenmacher Salzwedel, als zweiter der Zigarrenmacher Bock und als Schriftführer der Maurer Schrader.
Hierauf erteilte der Vorsitzende dem Redakteur der Märkischen Volksstimme, Plottke aus Forst, das Wort. Dieser hielt einen einstündigen Vortrag über die Schädlichkeit des Alkohols. Er versuchte durch Zahlen, die hohen Prozente, der in der Trunkenheit begangenen Verbrechen und Vergehen nachzuweisen. Im großen und ganzen glich der Vortrage dem Inhalt des Flugblattes.
In der Diskussion sprachen der Arbeiter Mayhack und der Zigarrenmacher Salzwedel. Beide stimmten den Ausführungen des Referenten zu und sprachen ebenfalls gegen den Genuß des Alkohols.
Zum Schluß forderte der Einberufer die Anwesenden auf, wer sich dem Deutschen-Arbeiter-Abstinenten-Bunde anschließen wolle, der solle den ausgegebenen Aufnahme-Schein ausfüllen und bei ihm zum Absenden nach Berlin abgeben. Soviel ich beobachtet habe ist dieses von keinem der Anwesenden geschehen. Auch wurde noch zum Kauf von Büchern, welche der Referent mitgebracht und deren Inhalt den Alkoholgenuß betraf, aufgefordert.
Schluß 11 Uhr.
Försterling
Pol. Sergt.
1908
Im Jahr 1908 beschloss die Stadtverordnetenversammlung auf Antrag der Sozialdemokaten 6.000 Mark zur Unterstützung erwerbsloser Arbeiter zur Verfügung zu stellen, ohne dass die zu zahlende Unterstützung als Armenstützung angesehen werden sollte, was eine politische Entrechtung nach damaliger Gesetzeslage für die Betroffenen zur Folge gehabt hätte – nämlich die Nichtteilnahme an den Wahlen.
1911 - 1920
Januar 1912: Stichwahlen bei den Reichstagswahlen
Der Wahlkommissar Stegemann gab in Halberstadt am 26. Januar 1912 das Endergebnis der Stichwahlen zu den Reichstagswahlen für den gesamten Wahlkreis bekannt: Die Zahl der abgegebenen Stimmen beträgt 37.827. Davon sind als ungültig in Abzug zu bringen: 431 Stimmen, sodaß als gültige Stimmen in Anrechnung kommen: 37.396 Stimmen. Die absolute Mehrheit beträgt demnach 18.699 Stimmen. Es haben erhalten: Rittergutsbesitzer, Oekonomierat Rimpau – Emersleben: 18.483 Stimmen. Gewerkschaftsbeamter Alwin Brandes – Magdeburg: 18.913 Stimmen. Der Gewerkschaftsbeamte Alwin Brandes in Magdeburg ist daher in dem Wahlkreis Oschersleben-Halberstadt-Wernigerode als Abgeordneter zum Deutschen Reichstage gewählt. Was sich in den Wahlen zuvor andeutete – in der Stadt Wernigerode waren die Sozialdemokraten seit geraumer Zeit bei den Reichstagswahlen sehr erfolgreich – setzte sich nun im ländlichen Bereich fort: Auch hier gewann die SPD eine bedeutende Anzahl Stimmen hinzu. Es wurde kolportiert, dass der Wernigeröder Wahlleiter nach der Wahl vermelden musste: „Die schwarze Grafschaft ist rot.“
Die SPD vor und während des 1. Weltkrieges
Zum Zustand der SPD kurz vor dem 1. Weltkrieg ist folgendes Dokument interessant: Ein Schreiben der Polizeiverwaltung „An den Herrn Landrat“ vom 13. September 1913 blickte auf das Jahr 1912 zurück: Nach der im Januar 1912 stattgehabten Reichstagswahl haben die sozialdemokratische Partei sowie die gewerkschaftlichen Vereine ihre Versammlungen abgehalten. Bei grösseren politischen Fragen sind öffentliche Versammlungen einberufen, die meist gut besucht waren und in denen fast immer von auswärtigen Referenten die fr. Punkte im sozialdemokratischen Sinne erörtert wurden. Vor der Reichstagswahl waren die Versammlungen stets stark besucht. … An der Landtagswahl hat sich die sozialdemokratische Partei hier ebenfalls rege beteiligt, jedoch ist zur Wahl eine besonders bemerkbare Agitation nicht betrieben. Ferner ist von derselben in den umliegenden Ortschaften agitiert, um die Landarbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. Zu diesem Zwecke ist dort, neben dem sozialdemokratischen Kalender, ein sozialdemokratisches Blatt – die Landpost – verbreitet worden. Wie in den Vorjahren hat im Jahre 1912 ein Gewerkschaftsfest, verbunden mit Kinderbelustigungen, stattgefunden. Von der Sozialdemokratie ist auch versucht worden, die Jugend durch Veranstaltungen von Festlichkeiten und allerlei Belustigungen, wie Fussballspiel und dergl. zu den Parteizwecken heranzuziehen, was aber bis jetzt völlig misslungen ist. Eine rege Agitation wird von der Partei dahin entfaltet, Frauen sowie Mädchen zu den sozialdemokratischen Frauenvereinen und den auf sozialdemokratischer Grundlage stehenden gewerkschaftlichen Vereinen – Gesang- und Turnvereine – heranzuziehen, die aber hier bisher ebenfalls nur von wenig Erfolg gewesen ist.
Der Zulauf zur Partei war hingegen ungebrochen. Es gab 1912 605 männliche und 124 weibliche Genossen im Ortsverein.
Noch am 31. Juli 1914 veranstaltete der SPD-Ortsverein eine Versammlung zum in Aussicht stehenden Kriegsbeginn. Das „Wernigeröder Tageblatt“ schrieb am 1. August: „Gegen den Krieg – für den Frieden“, so lautete das Thema des gestrigen Abends, über welches Redakteur Paulick – Dessau in der im Volksgarten von der sozialdemokratischen Partei veranstalteten öffentlichen Versammlung vor einer stark erschienenen Zuhörerschaft sprach. Nach der Eröffnung der Versammlung durch den den Vorsitz führenden Stadtverordneten Salzwedel ergriff der Referent das Wort und wies auf die drohende Kriegslage hin, die sich jetzt ganz systematisch zu der lange gefürchteten Katastrophe des Weltkrieges verdichten wolle. Redner behauptete, daß Oesterreich den Krieg mit Serbien vom Zaune gebrochen habe und es liege die Gefahr nahe, daß der deutsche Kaiser, der sich lange genug erfolgreich um den Frieden gemüht habe, den Ratschlägen seiner Umgebung nachgebe und durch das Eingreifen der deutschen Streitmacht bei einem Vorgehen Rußlands den Dingen ihren Lauf lasse. Die offizielle Veranlassung des österreichischen Krieges gegen Serbien sei die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares durch serbische Attentäter gewesen; aber deshalb dürfe nicht geduldet werden, daß diese Tat durch einen Krieg, in dem tausende von Männern zum Opfer fallen, gesühnt werde, da das Leben dieser Ermordeten auch keinen höheren Wert besessen habe als das anderer Menschen. Die Bedingungen, die die österreichische Note an Serbien gestellt habe, um den Krieg abzuwenden, seien so furchtbar, daß keine Regierung des serbischen Landes sie annehmen konnte. Die serbische Regierung sei bereit gewesen, trotzdem die meisten Forderungen zu erfüllen; doch habe Oesterreich das gar nicht gewollt, sondern einen Krieg beabsichtigt und erzwingen wollen. Der glühende Haß der Serben sei durch die systematische Niederhaltung Serbiens durch Oesterreich hervorgerufen worden und diese Schuld habe auch in letzter Linie das schreckliche Attentat von Sarajewo veranlaßt. Rußland habe zwar die wenigste Veranlassung, einem so geknechteten Volke zu Hilfe zu eilen, da es im eigenen Land selbst genug die Menschen knechte, aber Deutschland hätte müssen den Vorschlag Englands annehmen, um wenigstens den Weltkrieg zu verhüten. Die Sozialdemokratie sei die einzige gewesen, die in Deutschland die Stimme gegen die Kriegsbegeisterung erhoben hätte. Leider sei sie aber deswegen verunglimpft worden. Auch in Wernigerode habe die „Wernigeröder Zeitung“ gegen die „Kreiszeitung“ Front gemacht, da deren Verleger die Bekanntmachung der heutigen Versammlung auf rotem Papier gedruckt und auf den Anschlagsstellen aufgeklebt habe, womit er doch nur eine Vertragspflicht gegenüber der Stadt erfüllte, die vorschriebe, daß auf diesen von ihr verpachteten Anschlagsplätzen jede Bekanntmachung angeschlagen werde. Die Erfüllung dieser Vertragspflicht bedeute nur eine anerkennenswerte Leistung. Redner schilderte weiterhin das Elend, welches in der Menschheit durch einen Krieg entstände, in welchem sich Menschen, die sich nie gekannt haben, töten müßten, schilderte die Folgen eines Krieges für die Zurückbleibenden, die ungeheuer werden würden, da ein allgemeines finanzielles Debacel nicht ausbleiben könne. Menschen, die noch ihre gesunden Sinne haben, könnten sich unmöglich für den bevorstehenden Krieg begeistern. Ein Krieg würde nach den angestellten Berechnungen 60 Millionen Mark pro Tag, also monatlich 1800 Mill. Mark kosten. Allein die Sozialdemokratie habe heute noch den Mut zu sagen, ein Krieg müsse unter allen Umständen verhütet werden. Deshalb müsse jeder Friedensfreund die Sozialdemokratie stärken, indem er ihr beitritt und ihre Ziele unterstützt. Die Sozialdemokratie fordere Freiheit und Recht, damit keiner sei des andern Knecht.
Am 16.10.1916 berichtete das „Wernigeröder Tageblatt“: Stadtverordneter Bartels wurde am Sonnabend zu Grabe getragen. Die Arbeiterschaft gab ihrem verehrten Führer und Berater fast vollzählig das letzte Geleit, und in dem übergroßen Gefolge sah man ferner Mitglieder des Magistrats mit dem 1. Bürgermeister und des Verstorbenen Kollegen von der Stadtverordnetenversammlung. Am Grabe widmete Reichstagsabgeordneter Brandes dem toten Genossen einen längeren Nachruf, in dem er das selbstlose Wirken des Verstorbenen schilderte und dessen Verdienste um die Arbeiterbewegung hervorhob. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der den größten Teil seines arbeitsreichen Lebens der Hebung des Arbeiterstandes widmete, und der unermüdlich für die Sache tätig war. In den Herzen seiner Anhänger wird er immer fortleben.
Sozialdemokraten – kaisertreu?
In der bisherigen vornehmlich DDR-beeinflussten Geschichtsschreibung über die Wernigeröder Arbeiterbewegung wurde immer wieder behauptet, dass die (Wernigeröder) Sozialdemokratie noch am 5. November 1918 „kaisertreu“ gewesen sei. Belegt wurde dies mit einem Hinweis auf einen Artikel im „Wernigeröder Tageblatt“ vom gleichen Tage. In diesem Artikel wurde über eine Versammlung in Karlsruhe berichtet, in der der badische sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Marum sagte: Gewiß, wir Sozialdemokraten sind Republikaner und haben als solche keine Veranlassung, uns als Schutzwall vor die Hohenzollern zu stellen, aber darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: die Mehrheit des deutschen Volkes ist heute noch monarchistisch gesinnt. … Für uns als Sozialdemokraten handelt es sich darum, daß wir einen Rechtsstaat bekommen. Die Frage mit oder ohne Monarchie ist von untergeordneter Bedeutung. Wir können aber richtige Politik in einem Rechtsstaat nur mit der Mehrheit und nicht gegen die Mehrheit des Volkes machen, wenn wir nicht russische Zustände bekommen wollen. Wie man sehen kann: Weder kommen in diesem Artikel Wernigeröder Sozialdemokraten zu Wort, noch ist diesem Bericht eine besondere „Kaisertreue“ der Sozialdemokratie zu entnehmen.
Die Revolution schwappte auch in den Harz: Auch in Wernigerode wurde gestreikt. Am 9.11.1918 zog eine Demonstration zum Landratsamt zu Landrat von Stosch, der seit 1912 im Amt war und es bis 1945 bleiben sollte. Vertreter der Demonstranten verhandelten mit dem Landrat über die prekäre Versorgungslage und brachten den Wunsch nach Frieden zum Ausdruck. Im weiteren Verlauf bildete sich auch in Wernigerode mit einem Arbeiterrat eine Art „zweites Parlament“, der zusammen mit dem ebenfalls gebildeten Soldatenrat die Errungenschaften der Revolution verteidigen und die Behörden kontrollieren sollte. Welcher Umschwung auch in Wernigerode stattfand zeigte sich an der Tatsache, dass der Fürst sogar den Arbeiter- und Soldatenrat finanziell unterstützte, was allerdings weniger politischer Überzeugung als mehr taktischem Kalkül entsprungen sein dürfte.
Der Soldatenrat verhandelte am 10.11.1918 laut Protokoll mit dem amtierenden Zweiten Bürgermeister über die Situation in der Stadt. Der Bürgermeister notierte dazu: Die verschieden gestellten Fragen über zu treffende Maßnahmen wurden besprochen bzw. beantwortet. Der Soldatenrat gab die feste Versicherung ab, daß er alles aufbieten würde dazu beizutragen, daß Ruhe u. Ordnung in unserer Stadt herrschen soll. Zu Schluß wurde darüber abgestimmt, daß auf dem Landratsamt und auf dem Rathause vom 11. d. Mts. ab, die rote Fahne 8 Tage lang gehißt werden soll. Vom Soldatenrat waren anwesend bei der Besprechung:
Wiedener Wilh. Off. Stellv. als Vorsitz.
Thierbach Carl San. Uffz.
Zirbel Herm. San. Uffz.
Zimmerling Fritz Gefr.
Matuschke Erich Gefr.
Peterson Carl Obermatrose
Noah Heinrich Flieger
Goslar Herm. Musk.
Winter Paul Uffz.
10.) Dirksen Fritz Inf.
11.) Rabe Carl Gefr.
12.) Ermisch Carl Luftsturmm.
13.) Becker Robert Uffz.
Wernigerode den 11. November 1918
Der Bürgermeister
Zur Ausrufung der Weimarer Republik November 1918
Das „Wernigeröder Tageblatt“ teilte am 11.11.1918 Folgendes mit: Im Volksgarten wurde am Sonntag morgen um 11 Uhr eine Volksversammlung abgehalten, die vom Stadtverordneten Niewerth eröffnet und geleitet wurde. Herr Niewerth teilte mit, daß Deutschland zur Republik ausgerufen und Reichstagsabgeordneter Ebert zum Reichskanzler ernannt worden sei. Für die Bevölkerung sei es jetzt die Hauptsache zu verhüten, daß Ernährungsschwierigkeiten eintreten und daß Ruhe und Ordnung gehalten werde. Er gab das Wort Herrn Hermes, der ruhig und sachlich über die am Sonabend abend stattgefundene Stadtverordnetenversammlung berichtete. Dann redete Herr Stadtverordneter Mayhack, der ausführte, daß durch die Umwälzung Tatsache geworden sei, was sich die Sozialdemokratie seit langem gewünscht hätte, es gelte nun diesen Erfolg auszubauen und sich darüber zu einigen, was weiter zu machen sei. Es müsse ein Arbeiterrat gebildet werden, der mit dem ins Leben gerufenen Soldatenrat zu raten und zu taten habe. Herr Mayhack erging sich über die Ursachen der Volksverbitterung … erwähnte, daß wir schon längst einen Verständigungs- und Vernunftfrieden haben konnten und nun auf einen Gewaltfrieden, den unsere Machthaber für Deutschland erstrebten, eingehen müßten. … Der Arbeiter- und Soldatenrat würde in Gemeinschaft mit den Behörden, die ihre Mitwirkung zugesagt hätten arbeiten zum Wohle der Gesamtheit. Herr Keffel gab die Vorschläge für den Arbeiterrat …, er bat, der zu wählenden Kommission keine ungerechtfertigten Vorwürfe zu machen und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die sozialdemokratischen Forderungen bei den Behörden eine günstige Aufnahme gefunden hätten, auch sein verlesener Antrag auf Einführung der Arbeitslosenunterstützung würde von Erfolg sein. … In den Arbeiterrat wurden widerspruchslos gewählt die Herren: Metallarbeiter Karl Neubauer, Metallarbeiter Hermann Kaiser, Buchdrucker Heinrich Keffel, Steinarbeiter Albert Kresse, Maschinensetzer Hermann Schwarzwald, Zigarrenmacher Karl Husung, Metallarbeiter Otto Wirth, Schuhmacher Ernst Schmidt, Steinhauer Hermann Hoppe und Sägemüller Hermann Trümpelmann.
Das „Wernigeröder Tageblatt“ vermeldete am 22. November eine Nachricht aus dem benachbarten Land Braunschweig: Dort hatte sich in Benzingerode ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. In ihn wurden gewählt der Vizewachtmeister Rodermund, der Sergeant Schuhose, der Former Trümpelmann und der Waldarbeiter Wermuth. Am 23.11.1918 wurde in einer öffentlichen Versammlung der Gemeinderat durch den Arbeiter- und Soldatenrat abgelöst. Bereits Ende Dezember jedoch war von ihm keine Rede mehr. In den Ratsprotokollen hieß es wieder „Gemeinderat“ und „Ortsvorsteher“.
Januar 1919: „Der Bruderkrieg in Berlin“
Wie sehr die eskalierende Situation in Berlin auch bis Wernigerode ausstrahlte, zeigte sich darin, dass am 9. Januar 1919 das „Wernigeröder Tageblatt“ auf der Titelseite unter der Überschrift „Der Bruderkrieg in Berlin“ zu den Vorgängen dort Stellung nahm. In dem Bewusstsein, dass die gerade erfolgte Revolution in Deutschland eine sozialdemokratische Errungenschaft war, auf die die Abeiterbewegung seit 1848 gewartet und hingearbeitet hatte, und in dem Wissen, dass es diese Errungenschaft nun zu schützen, zu bewahren und zu stärken galt, hieß es in dem der SPD-Blatt: Die Gewaltherrschaft der Liebknecht-Garde, die mit russischem Geld arbeitet, wird immer unerträglicher. Wie am Sonntag, so haben am Montag weitere Demonstrationen stattgefunden, die schließlich an verschiedenen Stellen zu schweren Zusammenstößen und zu Blutvergießen geführt haben. Der Vorstand der sozialdemokratischen Partei Groß-Berlins hat in hunderttausenden Exemplaren folgenden Aufruf an die Parteigenossen verbreiten lassen: „Arbeiter, Bürger, Soldaten, Genossen! Zum zweitenmal haben die Banditen des Spartakusbundes den „Vorwärts“ gewaltsam besetzt. Ihre Führer proklamieren öffentlich erneut den gewaltsamen Sturz der Regierung, Mord, blutigen Bürgerkrieg und Errichtung der Spartakusdiktatur. Dem deutschen Volke, insbesondere der Arbeiterschaft, drohen die schlimmsten Gefahren. Anarchie und Hunger wären die Folgen der Spartakusherrschaft. Jetzt ist unsere Geduld zu Ende, wie wollen uns nicht länger von Irrsinnigen und Verbrechern terrorisieren lassen, es muß endlich Ordnung in Berlin geschafft und der ruhige Aufbau des neuen republikanischen Deutschlands gesichert werden. Wir fordern euch auf zum Protest gegen die Gewalttaten der Spartakusbanditen, die Arbeit einzustellen und sofort unter Führung eurer Vertrauensleute vor dem Hause der Reichsregierung zu erscheinen. Arbeiter, Bürger, Soldaten, Genossen! Erscheint in Massen, zeigt, daß ihr Mannes genug seid, aus eigener Kraft eure Freiheit, euer Recht und euer Parteieigentum zu schützen.“ Diesem Aufruf der sozialdemokratischen Parteileitung haben die Massen ihrer Anhänger in solchem Maße Folge geleistet, daß dagegen die Scharen der Spartakusanhänger klein erscheinen. Dieser Artikel verdeutlicht exemplarisch die Zwangslage der Sozialdemokratie kurz nach der Revolution, zeigt die – später auch in Wernigerode – beginnende Spaltung der Arbeiterbewegung und offenbart mit den Schilderungen der Zustände einer „Spartakusdiktatur“ Prophezeiungen, die im kommunistisch geführten Russland alsbald Realität werden sollten.
Wahlen zur Nationalversammlung 1919
Die Wahlen zur Nationalversammlung 1919 untermauerten den Siegeszug der SPD auch in Wernigerode: Das Wahlergebnis lautete 5.773 Stimmen für die Sozialdemokraten gegenüber 4.411 Stimmen für die vier bürgerlichen Parteien, wovon 2.417 die linksbürgerliche Deutsche Demokratische Partei wählten. Für die USPD gab es nur 31 Stimmen, im Kreis 153 Stimmen (davon 138 in Stapelburg). Die KPD trat nicht an, weil sie die Wahl deutschlandweit boykottierte. Im Kreis Wernigerode stimmten 10.469 Wähler für SPD und 8.302 Wähler für die bürgerlichen Parteien.
März 1920
Als in Berlin rechtsradikale Militärs um Lüttwitz, Ludendorff und Kapp die demokratische gewählte Regierung wegputschte, erhob sich in ganz Deutschland eine insbesondere von Arbeitern, den Gewerkschaften und der SPD getragene Protestwelle, die in einen Generalstreik mündete, der den rechten Spuk in Berlin nach wenigen Tagen beendete.
Schon am Samstag, dem 13. März, dem Beginn des sogenannten „Kapp-Putsches“ schrieb das „Wernigeröder Tageblatt“ über eine umgehend einberufene Versammlung im „Volksgarten“, dem Treffpunkt der sozialdemokratisch orientierten Arbeiterbewegung an der Ecke Schmatzfelder / Feldstraße, in der die Bildung eines Aktionsausschusses diskutiert wurde: In den Aktionsausschuß müßten die Besten der Arbeiterschaft gewählt werden. Durch Abstimmung wurde verlangt, daß die Waffen der Einwohnerwehr dem Aktionsausschuß zur Obhut anvertraut werden sollen. Mit einem dreifachen donnernden Hoch auf die Republik wurde die Versammlung geschlossen. An den Zugängen und in der Stadt wurde ein Sicherungs- und Patroulliendienst errichtet.
Das „Wernigeröder Tageblatt“ skizzierte die weiteren Ereignisse: Am Sonntagvormittag (dem 14. März) um 11 Uhr fand im Rathause eine von Bürgermeister Jahn einberufene Zusammenkunft der Vertreter der Arbeiterschaft und der übrigen Bürgerschaft statt, um die weiteren Schritte gegenüber der politischen Lage zu beraten. … (Der SPD-Vorsitzende Salzwedel hob hervor, daß es der Wunsch der am Sonnabend abend im Volksgarten stattgehaltenen Veranstaltung gewesen sei, besonders auch darauf Rücksicht zu nehmen, daß möglichst alle wirtschaftlichen Betriebe aus der Einwohnerschaft mit je einem Vertreter zu dem Aktionsausschuß herangezogen werden möchten, denn nur auf diese Weise sei es möglich, Beschlüsse zu fassen, die Wernigerode vor Unruhen und Wirren bewahren. Diesem Wunsche wurde entsprochen und seitens der Berufsgruppen … Vertreter bestimmt, die mit ihrer Zahl der Zusammensetzung des 12gliedrigen engeren Aktionsausschusses der Arbeiterschaft entsprechen und mit diesem den engeren Aktionsausschuß der Einwohnerschaft bilden.
Am 14. März um 15.00 war eine Volksversammlung im „Volksgarten“ geplant. Der Zustrom war aber so groß, dass der Saal nicht ausreichte und deshalb wurde beschlossen, zum Kurhaus (dem ehemaligen „Stadtgarten“) zu marschieren. Auch der Kurhaussaal war überfüllt. Hierzu schrieb das „Wernigeröder Tageblatt“: Man habe das Vertrauen zu der Wernigeröder Arbeiterschaft, daß sie allen Weisungen des Aktionsausschusses folgen werde.. … Am 9. November(1918) galt es, der Revolution zum Siege zu verhelfen, heute geht es um Sein oder Nichtsein des ganzen deutschen Volkes. Die Wernigeröder Arbeiterschaft hat durch ihr Erscheinen bewiesen, daß sie geschlossen hinter der Regierung Ebert / Bauer steht (stürmischer Beifall). Die Versammlung beschloß … in den sofortigen Generalstreik zu treten.
Der Aufruf zum Generalstreik erschien im „Wernigeröder Tageblatt“ und hatte folgenden Wortlaut: An die Gesamtbevölkerung von Wernigerode und Nöschenrode. Heraus zum Generalstreik! Das ungeheure Geschehen lastet wie ein Alpdruck auf dem Deutschen Volk. In der Stunde der Gefahr erwartet der unterzeichnete Aktionsausschuß, daß ein einheitlicher Wille sich diesen Anordnungen fügt. Die nächsten Tage entscheiden über Deutschlands Zukunft, deshalb wird gefordert, daß Besonnenheit erste Pflicht ist. Von der Gesamtarbeiterschaft ist der Generalstreik beschlossen worden, um damit zu erreichen, daß jene verbrecherischen Elemente beseitigt werden, welche die Regierungsgewalt an sich gerissen haben. Alle Betriebe liegen still mit Ausnahme der lebenswichtigen nachbenannten Betriebe: Krankenversorgung, Sicherheits- und Wachdienst, Eisenbahn, Post, Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk, Schlachthof, Nahrungsmittelbranche, Notstandsarbeiten der Landwirtschaft, der Milch- und Viehwirtschaft, Gastwirtschaften ohne Ausschank von geistigen Getränken, Konditoreien nur zur Herstellung von Brot, Notstandsarbeiten für verderbliche Waren, Notstandsarbeiten an Hochöfen, elektrische Stromabgabe nur für lebenswichtige Betriebe. Geschlossen sind außer den Industriebetrieben alle offenen kaufmännischen Geschäfte, sämtliche Handwerksbetriebe, Kinos und sämtliche Lustbarkeiten. Alle vorhandenen Rolläden an Geschäftshäusern sind herabzulassen. An alle Einwohner ergeht der Ruf, die Ruhe zu bewahren! Jeder muß den Anweisungen des Aktionsausschusses folgen. Die Freiheit ist in Gefahr! Es gilt die Republik zu schützen! Der engere Aktionssausschuß
Mit einem weiteren „Aufruf an die Bevölkerung von Wernigerode und Nöschenrode“ wandten sich alle politischen Parteien (USPD, SPD, DDP, DNVP, Zentrum, DVP) gegen den Kapp-Putsch: Am Sonnabend tagte gegen abend im Rathause eine Sitzung aller politischen Parteien am Platze mit dem Magistrat und der Gemeindevertretung Nöschenrode, die an die Bevölkerung nachstehenden Aufruf erließ, der in Gestalt von Flugblättern bekannt gemacht wurde: Jeder… muß diesen Umsturzversuch aufs schärfste verurteilen, kann ihn nur das Produkt völliger politischer Unfähigkeit sehen und muß mit allen Mitteln helfen und handeln, daß jener ungesetzliche Umsturzversuch unterdrückt wird. Der Magistrat Wernigerode, die Gemeinde-Vertretung Nöschenrode, sowie alle politischen Parteien fordern die Bürgerschaft auf, Ruhe und Ordnung zu halten, jeden Versuch umstürzlerischer Betätigung zu verhindern und so zu ihrem Teile beizutragen, von unserem Volke jene unheilvollen Folgen abzuwenden.
Tatsächlich wurde die Anordnung zum Generalstreik in Wernigerode befolgt. Auch die Handwerker und Geschäfteinhaber schlossen sich an. Darüber hinaus wurden ständig Versammlungen einberufen.
Am 18. März – nachdem am 17. März die Zeitung nicht erschien – titelte das „Wernigeröder Tageblatt“ „Die Lösung der Krisis“ und vermeldete den Rücktritt Kapps und die Flucht der Putschisten. Ebenso auf der Titelseite berichtete die Zeitung über eine „Volksversammlung am Mittwoch“. Auch dieser Bericht zeigt, dass es darum ging, die Arbeiterschaft versammelt zu halten, Einigkeit und Kampfbereitschaft zu demonstrieren – und „nebenbei“ auch noch etwas für die Bildung zu tun: Auch die gestern nachmittag einberufene Volksversammlung war unglaublich überfüllt. Dicht gedrängt, sodaß buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen konnte, standen die Massen der Zuhörer. Genosse Steigerwald teilte namens des Aktionsausschusses mit, daß auch für heute nachmittag die uns zu Verfügung stehende freie Zeit mit einem wissenschaftlichen und zugleich populären Vortrag ausgefüllt werden sollte. Hierzu hatte sich Herr Betriebsleiter Körber vom städtischen Elektrizitätswerk zur Verfügung gestellt. Der Redner erläuterte an Hand seiner praktischen Tätigkeit in ausgezeichneter Weise das Wesen und die Art der Elektrizität. … Herr Steigerwald ergriff dann zu den neuesten Phasen des Generalstreiks das Wort. In atemloser Spannung lauschte die Versammlung den Meldungen. Anknüpfend an diese Depeschen ermahnte der Redner auch fürderhin Ruhe und Ordnung zu wahren. Die Versammlung ging mit einem dreifachen Hoch auf die junge deutsche Republik auseinander.
Am 19. März erschien ein Artikel – geschrieben vom Redakteur Willy Steigerwald – unter der Überschrift „Volksversammlung im Monopol am Donnerstag“ im „Wernigeröder Tageblatt“: „Die Würfel sind gefallen, das Endresultat des Kampfes hat sich dem deutschen Volke zugewendet“, diese Worte wurden der an der Spitze des gestrigen Blattes stehenden Depesche vorangesetzt. Und nun erst war die eigentliche Entspannung der Gemüter eingetreten, die sich durch lebhaften Beifallssturm äußerte. … Und mit dem Rufe: „Nicht betteln, nicht bitten, nur wacker gestritten für Freiheit und Recht da kämpft sichs nicht schlecht“ wurden die von stürmischem Beifall aufgenommenen Ausführungen begleitet. … Der 18. März 1848 und der 18. März 1920 werden fürderhin Gedenksteine in der Geschichte des deutschen Volkes sein und nur Einigkeit führt zum Ziele! Mit diesen Worten und einem Hoch auf die Republik schloß der Unterzeichnete die imposante Versammlung, nachdem zuvor die vorgenommene Abstimmung die einstimmige Annahme der Beendigung des Generalstreiks ergeben hatte.
Die „Lokalen Nachrichten“ des „Wernigeröder Tageblattes“ vom 19. März dokumentierten bereits den Wiedereintritt in die Normalität: Der Generalstreik ist in Wernigerode gestern abgebrochen und die Arbeit heute morgen allenthalben wieder aufgenommen worden. Der Streik ist, abgesehen von einigen unbedeutenden Uebergriffen der erregten Menschen in tadelloser Ordnung und Ruhe verlaufen. Verschiedentlich sind Waffen und auch vereinzelte Waren, wegen Uebertretung der Streikanordnung beschlagnahmt worden. Umlaufende Gerüchte über blutige Kämpfe in Nachbarstädten bestätigten sich nicht. In einmütigem Zusammenstehen der Arbeiterschaft und des fortschrittlich denkenden Bürgertums hat Wernigerode sein ehrlich Teil zum Erfolg beigetragen, nun ist es auch Pflicht gemeinsam auf Linderung der Not hinzuarbeiten. Zu diesem Zwecke soll heute Abend ½ 9 Uhr im Rathause eine Besprechung zwischen den Vertretern der Arbeitgeber und dem Aktionsausschuß stattfinden, es gilt Mittel und Wege zu finden die geeignet sind den Lohnausfall der Arbeiterschaft wieder wett zu machen, damit in der nächsten Woche die Not nicht allzu sehr Platz ergreifen wird.
Bereits am 20. März erschien im Wernigeröder Tageblatt eine Anzeige unter der Überschrift „Beschluß der Arbeitgeber-Verbände bezügl. der heutigen Lohnzahlung“. Darin hieß es: In der gestern abend stattgehabten Sitzung der hiesigen Arbeitgeberverbände mit dem engeren Aktions-Ausschuß wurde vereinbart: Auf Antrag der Arbeitnehmervertreter der einzelnen Betriebe jeder Art soll der volle Wochenlohn heute zur Auszahlung gelangen. Soweit Beträge für nicht gearbeitete Zeit zur Auszahlung gelangen, sollen diese als Vorschuß gelten, dessen Abgeltung nach den Beschlüssen der zentralen Arbeitsgemeinschaften, gegebenenfalls nach der einheitlichen Regelung der Reichsregierung stattfinden soll.
1921 - 1933
Die Zeit der Weimarer Republik
In der Wernigeröder USPD gab es schon Ende 1920 Bestrebungen, die dem weiteren Verlauf in Deutschland vorgriffen. Während sich in Deutschland die USPD und die SPD erst Mitte 1922 annäherten und im Herbst 1922 vereinigten, geschah in Wernigerode die Vereinigung der Parteien bereits in den ersten Tagen des Monats Januar 1921. Am 13.01.1921 wurde der Zusammenschluss von USPD und SPD in Wernigerode im alten „Schützenhaus“ vollzogen. Am 15.01.1921 erschien im Wernigeröder Tageblatt ein Aufruf an die „Wernigeröder USPD-Genossen, geschlossen zur SPD über zu wechseln“; unterschrieben von Max Otto, Hermann Milatz und Karl Jonas. Am 3. Februar schrieb das „Wernigeröder Tageblatt“ angesichts von Meldungen über Übertritte von USPD-Ortsgruppen zur SPD: Das Beispiel von Wernigerode, der 17 ländlichen Ortsgruppen in der Frankfurter Gegend, in Nordbayern usw. macht also Schule.
Am 6. Oktober 1921 endete das Tauziehen um die Besetzung des neu geschaffenen Amtes eines Zweiten Bürgermeisters. Der Sozialdemokrat Hermann Reichardt erhielt von 28 abgegebenen Stimmen 26. Dem vorausgegangen waren erhebliche Irritationen in der Stadtverordnetenversammlung. Am 20.6.1920 wurde in der Finanzkommissionssitzung vom damaligen Ersten Bürgermeister Jahn mitgeteilt, dass eine neue Obersekretärstelle für das Wohlfahrtsamt geschaffen und besetzt werden sollte. Der Inhaber dieser Stelle wäre dann der zweite Bürgermeister. Die SPD-Fraktion verlangte, dass dieses Amt mit einer Person besetzt werde, „die die nötigen Erfahrungen habe, kein Bürokrat sei und aus dem arbeitenden Volke“ kommen soll. In der Sitzung der beiden Stadtverordnetenfraktionen am 26. August 1920, in der es auch um die Neubesetzung der Stelle des Ersten Bürgermeisters ging, waren sich die Fraktionen einig, die Stelle des Zweiten Bürgermeisters mit einem Sozialdemokraten zu besetzen. Im weiteren wurde die Frage der Besetzung bis zum 1. April 1921 zurückgestellt, da dies Bestimmungen des Fürsorgeamtes zur Ausschreibung der Stelle so verlangten. Über die Stadtverordnetensitzung am 12. August 1921 schrieb dann das „Wernigeröder Tageblatt“ zwei Tage später: Nachdem einige geschäftliche Angelegenheiten ihre Erledigung erfahren hatten, wurde zur Wahl des zweiten Bürgermeisters geschritten. Das Resultat war 15 zu 15 Stimmen für die beiden zur Wahl stehenden Kandidaten, die entgegengesetzt von der Bürgerschaft und der Arbeiterschaft aufgestellt worden waren. Nach dem obigen Resultat der Stimmengleichheit mußte die Besetzung der Stelle nach der Städteordnung durch das Los ausgeknobelt werden. Hierzu kam es allerdings nicht, da die sozialdemokratische Stadtverordneten-Fraktion eine weiter unten im Bericht zu findende Erklärung abgab und hierauf geschlossen den Sitzungssaal verließ. Die Sozialdemokraten achten gewiß das demokratische Prinzip, hier lag aber etwas anderes vor, da der sozialdemokratischen Stadtverordneten-Fraktion schon seit Jahren nach Zusammensetzung der städtischen Körperschaft ein besoldetes Magistratsmitglied zugestanden und versprochen worden war. … Es scheint der Wille der bürgerlichen Vertreter auch in Wernigerode zu sein, die Vertreter der großen Arbeiterpartei von jedem Posten fernzuhalten, also genau wie vor dem Kriege, als ein Sozialdemokrat nicht einmal Nachtwächter sein durfte. … Die sozialdemokratische Stadtverordneten-Fraktion gibt zu dem Wahlergebnis des 2. Bürgermeisters die Erklärung ab, daß sie es ablehnt, einem Kandidaten durch das Los dieses Amt übertragen zu lassen. Die Fraktion war bei der Auswahl ihres Kandidaten so vorsichtig, daß sie es der Kommune gegenüber nicht verantworten kann, dem Zufallsprinzip dieses wichtige Amt zu überlassen. Die so geschaffene Situation ist nicht darnach angetan, heute eine Fortsetzung der Verhandlung erfolgversprechend zu gestalten. Die sozialdemokratische Stadtv.-Fraktion hält es deshalb für geboten, heute die Sitzung zu verlassen. Hierauf verließen die sozialdemokratischen Vertreter geschlossen den Saal. Stadtv.-Vorsteher Büchting stellte die Beschlußunfähigkeit der Versammlung fest. Am 6. Oktober stand dann nur Hermann Reichardt zur Wahl.
Im September 1923 wollten in ganz Deutschland faschistische Organisationen einen „Deutschen Tag“ begehen – so auch in Wernigerode. Hier hatte die verbotene Mitteldeutsche Arbeiterpartei aufgerufen. Am vereinten Widerstand der Arbeiter von Wernigerode scheiterte diese Kundgebung. So riegelten hiesige Arbeiter alle Wege nach Wernigerode ab. Mitglieder der KPD, der SPD und der Gewerkschaften umstellten auch den Bahnhof und vereinigten sich dort mit den aus Ilsenburg gekommenen Arbeitern, um ankommende Nazis, in Zusammenarbeit mit der Polizei, am Aussteigen zu hindern. Dieser Tag sollte in der Presse und in der Stadtverordnetenversammlung Widerhall finden. Schon am 7. September erschien ein Leserbrief, der mit „H.“ gezeichnet wurde, im „Wernigeröder Tageblatt“. Er befasste sich mit dem anstehenden Wochenende: An die Einwohner von Wernigerode! Durch einen Erlaß des Regierungspräsidenten ist die Mitteldeutsche „Arbeiterpartei“ für aufgelöst erklärt und verboten worden. Dieses Verbot gilt natürlich auch für die am Sonnabend und Sonntag geplante Demonstration. Trotzdem den Führern dieser Bewegung diese Mitteilung zuging, besitzen Mitglieder die Unverschämtheit, öffentlich bei den Geschäftsleuten vorzusprechen und zu veranlassen, daß sich diese durch Eintragung in eine Liste verpflichten, an den beiden Tagen in den alten Reichsfarben zu flaggen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich Geschäftsleute finden werden, die sich an dieser öffentlichen Demonstration gegen die gegenwärtige Staatsverfassung beteiligen. Jedem vernünftig denkenden Geschäftsmann oder Bürger der Stadt muß und wird es doch einleuchten, daß es sich hier um eine Provokation gegen die handelt, die treu zur Verfassung stehen. Und es wäre ein Stück aus dem Tollhause, wollte man solch unverantwortliches Treiben noch fördern. … Selbstredend wird besonders die Arbeiterschaft ein wachsames Auge haben und zu gegebener Zeit ihre Konsequenzen zu ziehen wissen. … In den nächsten Tagen wird der Wernigeröder Einwohnerschaft ein Spiegelbild des Herrn Bernhard Reiter vorgeführt werden, aus dem mit aller Deutlichkeit zu ersehen, welch Geisteskind dieser „ehemaliger Hitlergardist“ ist. … Wem also an Ruhe und Ordnung in der Stadt gelegen ist, der werfe diese Burschen zur Tür hinaus!
Am 10. September 1923 berichtete das „Wernigeröder Tageblatt“ über den „Deutschen Tag in Wernigerode“: Die verbotene „Mitteldeutsche Arbeiterpartei“ in Wernigerode beabsichtigte am 8. und 9. September hier einen sogenannten „Deutschen Tag“ zu veranstalten. Um dem Verbot der Veranstaltung zu entgehen, versuchte man unter dem Decknamen „Mitteldeutscher Arbeiter-Turnverein“ dennoch seine Absicht durchzuführen. Anstelle des hinreichend bekannten Hitlergardisten Bernhard Reiter sollte der Studienassessor Jehn vom hiesigen Gymnasium das Arrangement durchführen. Die Polizeiverwaltung konnte zur rechten Zeit auch diese Veranstaltung untersagen, um die Ruhe und Sicherheit in der Stadt nicht zu gefährden. Als am Sonnabend abend dennoch auswärtige Vereine hier eintrafen, um an dem „Fest“ teilzunehmen, konnten die Organe der Polizeiverwaltung dafür sorgen, daß die feldmarschmäßig ausgerüsteten Trupps die Stadt verließen. Einer der Trupps zog in die Richtung nach Darlingerode-Altenrode und lagerte in unmittelbarer Nähe der Maul’schen Schokoladenfabrik an der Ilsenburger Chaussee. In später Abendstunde kam es dort noch zu einer Prügelei, in welcher fünf Beteiligte verletzt wurden. Ein zweiter stärkerer Trupp zog, ebenfalls feldmarschmäßig ausgerüstet, nach dem Ziegenberg. Durch Zertrümmerung einer Scheibe verschaffte man sich gewaltsam Zutritt zum neuen Schützenhause und quartierte sich dort zwangsweise ein. Unter dieser Garde befand sich auch Herr Reiter, der dann anscheinend in der Morgendämmerung, als er seine „Aktion“ mißglückt sah, das Weite gesucht hat. Von dieser Gruppe aufgestellte Sicherheitsposten versperrten den hiesigen Bürgern den Weg zum Passieren. Die in den Vormittagsstunden des gestrigen Tages noch weiter eintreffenden auswärtigen „Festgenossen“ wurden von der Polizei am Bahnhof in Empfang genommen und mit demselben Zuge weitergeleitet mit dem Hinweis, daß die Veranstaltung untersagt sei und nicht stattfinde. In Hasserode anwesende auswärtige Teilnehmer der Veranstaltung wurden von der Polizei, nachdem der Republikanische Sicherheitsdienst den ungehinderten Ausmarsch gesichert hatte, zum Bahnhof geleitet. Damit waren die letzten der nach hier beorderten Hakenkreuzler aus Wernigerode wieder abgeschoben und die Stadt zeigte ihr gewohntes friedliches Bild. … Es wird nun höchste Zeit, daß die Arbeiterschaft und das Bürgertum mit gesundem Sinn durch Zusammenwirken dafür Sorge tragen, daß ortsfremden Elementen, die glauben, auch mit der hiesigen Bevölkerung ihr Hasardspiel treiben zu können, das Handwerk gelegt wird. Soll tatsächlich der sprichwörtlich bekannte Harzfrieden erhalten bleiben, so müssen die Geburtshelfer der „Mitteldeutschen Arbeiterpartei“, die Forker, Reiter und Jehn schleunigst und für immer von hier verschwinden.
Am 12. September kam es erneut zu Auseinandersetzungen: Zwei Lastkraftwagen mit Leuten vom „Stahlhelm“ kamen nach Wernigerode und trafen sich mit den Wernigeröder Rechtsextremen am alten Schützenhaus an der Flutrenne. Am Gewerkschaftshaus gegenüber sammelten sich über 1000 Arbeiter. Diese bewaffneten sich mit Zaunlatten. Die Besitzer dreier Grundstücke in der Westernstraße und den Schloß-Lichtspielen wollten 100 Zaunlatten ersetzt bekommen von der Stadt. Auf Beschluss des Magistrats wurden dafür 700.000.000 Mark zur Verfügung gestellt. Nachdem noch mehrere Anträge auf Schadensersatz gestellt wurden (und durch die Inflation) erhöhte sich der Betrag auf 10.959.500.000 Mark.
Am 28. September wurden die Vorkommnisse um die gescheitete Nazi-Veranstaltung und die Ereignisse vom 12. September in der Stadtverordnetenversammlung nochmals ausführlich durch den Ersten Bürgermeister, Herrn Dr. Gepel thematisiert und die Abläufe geschildert. Im Ergebnis wurde beschlossen, eine Hilfspolizei einzurichten, die je zur Hälfte aus sozialistischen und nichtsozialistischen Bürgern bestehen würde. Mit dieser einzurichtenden Hilfspolizei bezog man sich auf die guten Erfahrungen des Aktionskomitees während des Generalstreiks gegen den Kapp-Putsch im Jahr 1920. Ferdinand Salzwedel sagte in der anschließenden Aussprache: „Der Behörde gehört Dank, daß sie verstanden hat, ohne Blutvergießen die Ordnung wieder aufzurichten. Hoffen wir, daß dies auch fernerhin der Fall sein wird.“
Wie sehr vor allem durch die KPD ein einheitliches Auftreten der Arbeiterschaft schon 1927 torpediert wurde, zeigt auch folgendes lokale Beispiel: Das Jahr 1927 endete nämlich mit einem Paukenschlag in der Stadtverordnetenversammlung. Unter der Überschrift „Proletarische Einheitsfront in Wernigerode“ schrieb das „Halberstädter Tageblatt“ am 11.12.1927: Anläßlich der Wernigeröder Stadtverordnetenwahlen, die im Jahre 1924 stattfanden, ließ sich eine einheitliche Arbeitervertreterliste für das Stadtparlament nicht aufstellen. Die sozialdemokratische und die kommunistische Partei marschierte gesondert, sodaß neben einem Verlust an Stimmen, die Mandatsträger gespalten blieben und als zwei Linksfraktionen ihren Einzug in die Stadtverordnetenversammlung hielten. Dennoch muß gesagt werden, daß sich eine verhältnismäßig günstige Zusammenarbeit ermöglichen ließ. Beide Fraktionen haben, wenn auch mitunter nicht völlig einig in der Grundansicht, versucht, die Gestaltung der kommunalen Angelegenheiten im Interesse der Allgemeinheit zu beeinflussen und jede Interessenpolitik bestimmter Kreise zu unterbinden. Es ist infolge dieses Verhaltens zu so gut wie keinen Auseinandersetzungen der Linksgruppen gekommen, die keinem anderen als ihrem Gegner zugute gekommen wären. Es muß auch von der kommunistischen Fraktion gesagt werden, daß sie keineswegs versucht hat, sich von der Verantwortung zu drücken, daß sie vielmehr mit den Sozialdemokraten getragen hat, was an Verantwortung überhaupt übernommen werden können. Es wäre manchmal der bürgerlichen Fraktion doch sehr übel aufgestoßen, wenn ihr die Beschlußfassung allein überlassen worden wäre. Wo immer es galt, die spezifischen Arbeiterinteressen zu vertreten, gingen die beiden Linksfraktionen geschlossen vor, weil ihnen aus ihrer Tätigkeit bekannt geworden war, daß sich im bürgerlichen Lager hartgesottene Verfechter von Sonderinteressen befinden, die für alle möglichen Dinge „Verständnis“ aufbringen, nur nicht für die Arbeiter und Angestellten. Keineswegs sind Sonderinteressen für die Arbeiter gefordert, nur das was im Rahmen der Pflichtleistungen einer Gemeinde gegenüber den Arbeitern, Beamten und Angestellten liegt. Und gerade dabei hat sich die absolute Verständnislosigkeit derjenigen herausgestellt, von denen man sagen darf, daß sie noch die meiste Fühlung mit den arbeitenden Schichten haben. Solches Verhalten mußte jedem ehrlichen Arbeitervertreter das Bewußtsein einhämmern, daß sich einem kommunalen Bürgerblock gegenüber nur eine geschlossene Arbeitervertreter- Gruppe behaupten kann. Die Lehren sind nicht zu spät gezogen. Die sozialdemokratische und die kommunistische Fraktion haben sich zusammengefunden. Die von kommunistischen Wählern gewählten Stadtverordneten sind in der rechten Erkenntnis der Lage zur sozialdemokratischen Partei übergetreten. Sie werden ihre Mandate im Rahmen unserer Fraktion ausüben bis ihre Wahlperiode zu Ende ist. Sie tun es mit Recht, weil anders den Arbeitern die Stimmen bei entscheidenden Fragen fehlen würden. Machen sie zusammen auch keine Mehrheit aus, so wiegt doch die Entscheidung schwerer. Ihres Schrittes brauchen sich die Männer nicht zu schämen. Sie haben ihre Mandate bislang zum Nutzen der Arbeiterwähler ausgeübt. Sie werden das pflichtschuldigst auch weiter tun. Es ehrt sie nur, daß sie aus den gewonnenen Erfahrungen die notwendigen Schlüsse und Konsequenzen gezogen haben. Diesen allen ist klar geworden im Kampfe um die Rechte und Ansprüche der Arbeiter, daß ein tönendes Wort die Tat allein nicht ausmacht, sondern nur das geschlossene Auftreten der Gruppe, die man glaubt langsam wieder in ihre vorkriegszeitliche Position zurückzudrängen. Es sind nicht immer die Klügsten, die von solchen Machtmitteln besessen sind, wohl aber die mit den Eigenschaften von Intriganten ausgerüsteten Personen. Gegen sie ist ei-ne besondere Abwehrstellung nötig, damit ihr Spiel entlarvt und den Arbeitern die Augen geöffnet werden können. Das kann aber nicht durch verewigte Arbeiterzersplitterung geschehen, die zum Weißbluten führen muß, sondern nur durch geschlossenes Auftreten und Handeln, wie ehedem, als die Arbeiter unter den Schlägen der Hungerpeitsche um den geringsten Anteil am Arbeitsertrag und um ein winzig Stück Mitbestimmungsrecht kämpf-ten. Um die am Orte erzielte geschlossene Vertretung der Arbeiter nach außenhin zu dokumentieren, veröffentlichen wir nachstehende Erklärung.
„Die unterzeichneten, bisher in der KPD, organisierten Stadtverordneten, sind aus dieser ausgeschieden. Seit längerer Zeit bestanden Differenzen, die letzten Endes in einer Form ausgetragen wurden, die ein Verbleiben der Unterzeichneten in der KPD nicht mehr möglich machten. Das Ziel der Tätigkeit eines proletarischen Stadtverordneten soll und muß es sein, das Möglichste für die von ihm vertretenen Wähler zu erreichen. Die heutigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind der Gestalt, daß sich nur durch ein taktisch richtiges Arbeiten ein Erfolg erzielen läßt. Durch phrasenreiches, rein agitatorisches Wirken, wird kein realer Erfolg für die Arbeiterschaft errungen. Reaktion und Kapital bilden auch hier in Wernigerode eine geschlossene Kampffront. Einer verständigen Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen Stadtverordnetenfraktion ist es zu danken, daß mancher Erfolg für die Arbeiter erreicht werden konnte, der in anderen Kommunen, in denen die Fraktionen den Kampf gegeneinander führten und noch führen, nicht zu verbuchen ist. Trotzdem das von unseren führenden Genossen anerkannt wurde, hat man uns in einer Art und Weise angegriffen, die ein weiteres Verbleiben in diesen Kreisen unmöglich machen mußte. Wer den Interessen der gesamten Arbeiterschaft den Vorrang ein-räumt entgegen den reinen Parteiinteressen, hat keinen Platz in der KPD. Wer das Wort „Einheitsfront“ zur Tat werden lassen will, muß jenen Kreisen den Rücken kehren. Die bürgerliche Fraktion bildet die Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung in Wernigerode, daher ist jeder Kampf schwer zu führen. Die kommunistische Liste ist erschöpft. Würden wir unsere Mandate niederlegen, wäre jeder Kampf für die Interessen der Arbeiter durch die erdrückene Mehrheit der bürgerlichen Fraktion von vornherein erfolglos. Obgleich man das weiß, verlangte die KPD unsere Mandatsniederlegung, weil die egoistischen Parteiinteressen es fordern. Einer solchen gewissenlosen Aufforderung konnten und werden wir keine Folge leisten. In und mit einer solchen Partei kann der Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse nicht geführt werden. Wir sind daher in die SPD zurück-getreten und werden in der sozialdemokratischen Stadtratsfraktion weiterhin unsere Mandatspflichten erfüllen. Unseren Klassengenossen aber rufen wir zu: „Prüfet, wo Ihr steht!“, stellt dem Bürgerblock eine geschlossene Arbeiterschaft entgegen, die sich nicht gegenseitig zerfleischt, sondern Schulter an Schulter den Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse führt. Gez. August Schrader, Otto Gödecke , Walter Niemann.“
Wenn unter der vorstehenden Erklärung der Name des Stadtverordneten Oberbeck fehlt, so hat das seine Ursache darin, daß er der Auffassung war, er müsse sein Mandat nach der parteipolitischen Umstellung an die KPD zurückgeben. Oberbeck wird auch zur SPD übertreten, beabsichtigt jedoch, sein Mandat nicht weiter auszuüben. Er hatte das auf Grund der Bestimmungen der Städteordnung durchaus nicht nötig. In dieser Hinsicht ist auch der gegenwärtige Sprecher der KPD, der hinlänglich bekannte Peiser auf ein an den Herrn Stadtverordnetenvorsteher Büchting gerichtetes Schreiben belehrt worden. … Wir haben der Aufforderung im Schlußsatz der Erklärung der ehemaligen kommunistischen Stadtverordneten nichts mehr hinzuzufügen als den Wunsch: Möchten alle denkenden Arbeiter auch ihrerseits den rechten Schluß daraus ziehen!
In der Folge blieb die KPD im Vergleich zu anderen Orten in Wernigerode eine wenig bedeutende Splittergruppe.
Bei den Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 konnte die SPD in Wernigerode mit über 40% der Stimmen ihr gutes Ergebnis vom Dezember 1924 bestätigen. Ganze 799 Stimmen wurden für NSDAP abgegeben. Nach der Wahl kam jedoch der Durchbruch der NSDAP in Wernigerode, als Pastor Münchmeyer aus Borkum im vollbesetzten Kurhaussaal für die Nazis sprach. In der hiesigen Bevölkerung gab es einen großen Teil, der konfessionell gebunden war – nicht zuletzt auch unter der Arbeiterschaft gab es auch wegen der Bemühungen des Grafen-/Fürstenhauses, sozialdemokratische Ideen mit kostenlos verteilter religiöser Literatur zu bekämpfen, eine gewisse Offenheit gegenüber religiösen Würdenträgern. Dies nutzte nun die NSDAP aus.
Am 17.11.1929 fanden die letzten Kommunalwahlen statt, die man als „frei“ bezeichnen konnte. Die SPD fuhr hierbei einen großen Sieg ein: Elf Mandate konnten gewonnen wer-den durch Edmund Oberbeck, Otto Reinhardt, Hermann Lumme, Otto Kabelitz, Otto Goedecke, Walter Niemann, Richard Bartels (der dann zum ehrenamtlichen Stadtrat gewählt wurde), Otto Finger (als Nachrücker für Richard Bartels), Friedrich Müller, Max Otto, Friedrich Kuring und Wilhelm Heitmüller. Mit 3971 Stimmen schlug man klar die NSDAP, die 2050 Stimmen und damit fünf Mandate errang. Stärker war sogar der rechte Block „Stadtwohl“, der 2433 Stimmen und sechs Mandate erringen konnte. Vierte Kraft im Wernigeröder Rathaus waren die Liberalen der Vereinigung „Bürgerblock“ mit 1517 Stimmen, was vier Mandaten entsprach. Die „Liste Nöschenrode“ (491 Stimmen) erhielt genau wie die KPD (442 Stimmen) einen Sitz.
Der Terror beginnt
Auch in Wernigerode begann mit der Machtübernahme Hitlers der Terror der Nazis. Am 24. Juni 1933 wurden über 80 sozialdemokratische Funktionäre aus Wernigerode und dem Kreisgebiet zur ehemaligen Maulschen Schokoladenfabrik, der damaligen SA-Führerschule, gebracht und dort schwer misshandelt. Bei der als „Schandmarsch“ in die Geschichte eingehenden Abscheulichkeit wurden die Sozialdemokraten durch die Stadt getrieben, darunter der langjährige 2. Bürgermeister und Gewerkschaftssekretär Hermann Reichardt, der Fraktionsvorsitzende der SPD Otto Goedecke, der Stadtverordnete, AOK- und Gewerkschaftsvorsitzende Max Otto und der Metall-Gewerkschafter Friedrich Kuring. Vorangehen musste der misshandelte Stadtrat Richard Bartels mit einem so genannten „Schandpfahl“, der die Aufschrift „SPD Lumpen Wernigerode“ trug. Erst nach schweren Prügelexzessen mit gebrochenen Rippen, ausgeschlagenen Zähnen u. ä. m. wurden die Sozialdemokraten wieder freigelassen.
Die „Wernigeröder Zeitung“ schrieb zynisch und verharmlosend am 26.6.1933: Im Rahmen der für das gesamte Gebiet des Reiches auf Anordnung des Reichsinnenministeriums verfügten Aktion gegen die SPD wurde auch in Wernigerode am Sonnabendnachmittag zu einschneidenden Maßnahmen gegen die hier ansässigen SPD-Funktionäre aus Wernigerode und aus dem Kreis geschritten. Von hiesigen SA- und SS-Formationen wurden am Sonnabend 81 SPD-Leute festgenommen, die, nachdem sie geschlossen durch die Stadt geführt worden waren, für die Dauer der Nacht in der SA-Führerschule in Schutzhaft gehalten wurden. Es ist, von geringen Ausnahmen abgesehen, zu Widerständen gegen die Inschutzhaftnahme nicht gekommen. Die inhaftierten SPD-Funktionäre wurden am Sonntagmittag wieder in Freiheit gesetzt bis auf sechs Mann, die als Schutzhäftlinge in das Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert wurden. Diese sechs Mann sind: Stadtrat a. D. W. Steigerwald, die ehemaligen Stadtverordneten W. Niemann und O. Goedecke, weiter der ehemalige Polizeiwachtmeister H. Ackert, Bäckermeister H. Randolff und Beckmann, Elbingerode. Ueber das weitere Schicksal der sechs in Schutzhaft Behaltenen werden wir zu gegebener Zeit berichten.
Die „gegebene Zeit“ war am 28.6.1933. Die Meldung lautete: Von den sechs am Sonntag in polizeiliche Schutzhaft genommenen SPD-Funktionären sind am Dienstag der Bäckermeister Randolff, der ehemalige Stadtverordnete Niemann und der ehemalige Polizeiwachtmeister Ackert wieder in Freiheit gesetzt wurden. Die drei anderen Inhaftierten befinden sich weiter in Schutzhaft.
Welche Folgen die „Verhaftung“ hatte, wird durch ein nachträgliches, am 4. März 1952 ausgestelltes ärztliches Attest des Herrn Dr. med. Herr für Walter Niemann deutlich : Am 22. Juni 1933 wurde ich zu Herrn Walter Niemann, damals wohnhaft Freiheit 1, gerufen. Herr Niemann lag im Bett und konnte sich nicht rühren. Über den ganzen Rücken vom Hinterkopf bis zu den Fersen war er mit schwarz-blauen Malen bedeckt, teilweise in Handgröße. Die Lendenwirbelsäule war angeschlagen und drei Rippen waren auf der rechten Seite angeknickt. Im Oberkiefer waren fünf Schneidezähne ausgeschlagen. Herr Niemann lag mehrere Tage zu Bett bis er verhaftet wurde. Nach seiner Haftentlassung war er noch mehrere Wochen wegen seiner Mißhandlungen arbeitsunfähig.
Auch Heinrich Matscheroth, seit 1920 bei der SPD, berichtete , dass er durch die Misshandlungen den Verlust des linken Unterkiefers zu beklagen hatte.
Bäckermeister Hermann Randolff, der als Aktivist im Reichsbanner den Nazis ein besonderer Dorn im Auge war, litt bis zu seinem Tod an den Folgen der Misshandlungen.
In einem abgeschriebenen Bericht eines Volksstimme-Artikels vom 22.10.1948 zur Gerichtsverhandlung über diese Vorkommnisse wird dargestellt, wie die Sozialdemokraten misshandelt wurden – und welche Strafen die Hauptbeschuldigten bekamen: „Vor der Großen Strafkammer nach Befehl 201 hatten sich der 47 Jahre alte Buchhalter Erich Göbel, der 49jährige Hilfsschleifer Georg Baetge, der 49 Jahre alte Landwirt Bernhard Müller, der 48 jährige Maurer Gustav Heise, der 43 Jahre alte Tischler Hugo Heise und der 38jährige Former Hans Vick aus Wernigerode wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten . Als es zu den allgemeinen Verhaftungen der Antifaschisten in Wernigerode kam, wurden diese in das SA-Heim gebracht und unmenschlich geschlagen… Die Antifaschisten mußten, ehe sie in einen ehemaligen Maschinensaal kamen, durch einen engen Gang. Hier wurden sie wiedere furchtbar mißhandelt. Aus dem Maschinensaal wurden sie einzeln herausgerufen, in ein Vernehmungsyimmer geführt und wiederum geprügelt. Für alle Eingekerkerten wurde Exerzierdienst angesetzt. Es regnete hierbei Fußtritte und Schläge mit Ochsenziemern und Peitschen, wenn der Hitlergruß nicht vorschriftsmäßig ausgeführt wurde. Der Zeuge Schattenberg bekundete, daß, als er in den Saal kam, ihn der „Einäugige“, gemeint ist damit Göbel, der nur ein Auge besitzt, mit einem Knüppel schlug. Göbel riß dem Zeugen das Jackett vom Leib und fesselte ihn mit einer Kette. Der Zeuge wurde während der Mißhandlung ohnmächtig. Man begoß ihn solange mit kaltem Wasser, bis er wieder zu sich kam. Göbel steckte sich dann eine Zigarette an. Als diese in voller Glut war, steckte er das glühende Ende dem durch die Kette wehrlos gemachten Zeugen in die Nasenlöcher. In der SA-Führerschule wurde dem Zeugen ein Strick um den Hals gelegt und er an demselben dreimal in die Höhe gezogen. Anschließend wurde er derartig verprügelt, daß ihm die Haut in Streifen vom Rücken hing. Der Zeuge Goedecke kam mühsam auf Krücken in den Gerichtssaal und machte seine Aussagen. Bei den damaligen Misshandlungen hat man ihm die Nieren zerschlagen. Der Zeuge Freidank sagte aus, daß beim Exerzieren der Antifaschisten Randolff von der vertierten Horde abgesondert und in den Maschinensaal geschleift wurde. Als die anderen nach zwei Stunden den Saal betraten, sahen sie Randolff als blutige, leblose Masse in der Ecke liegen. Die Große Strafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtspräsidenten Lange verurteilte den Angeklagten Göbel als Haupttäter zu einer Zuchthausstrafe von 10 Jahren und 10 Jahren Ehrverlust. Der Angeklagte Baetge erhielt 4 Jahre, Müller 5 Jahre, die Gebrüder Heise je 2 Jahre und 6 Monate und der Angeklagte Vick 1 Jahr und 2 Monate Gefängnis. Es ist noch wichtig zu bemerken, daß Göbel alle Taten abstritt bis zuletzt. Erst am Schluß der Verhandlung gestand er zynisch seinen Sadismus ein. Auf sein Verhalten reagierte das Gericht entsprechend: Es rechnete ihm die Untersuchungshaft, die über 2 Jahre betrug, nicht an.
Besondere Verfolgungen hatte auch der sozialdemokratische „Volksstimme“-Redakteur Willy Steigerwald zu überstehen, zumal er auch noch jüdischen Glaubens war. Vom 11.11. – 21.11.1938 war Willy Steigerwald im KZ Buchenwald. Der immer größer werdende Druck auf ihn und seine Familie trieb ihn am 20.6.1941 in den Selbstmord.
Bis zum Ende der Nazizeit 1945 wurden jedoch noch weitere Wernigeröder Sozialdemokraten verfolgt : 1936 wurde Friedrich Kuring verhaftet durch den Chemnitzer Polizeibeamten und Spitzel Hauptwachtmeister Erwin Wilhelm und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er wurde im März 1944 erneut Opfer einer Denunziation. Im Oktober beantragte der Staatsanwalt beim Volksgerichtshof die Todesstrafe wegen Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat. Da der Belastungszeuge sich jedoch in erhebliche Widersprüche verwickelte, kam der 63jährige Kuring nach stundenlangen Verhandlungen mit fünf Jahren Zuchthaus davon.
1937 ereilte auch den schon 1933 verfolgten Max Otto das Schicksal der Denunziation. Der gelernte Schriftsetzer und engagierte Gewerkschafter hatte von 1924 bis 1933 den Vorsitz des Ortsausschusses des ADGB inne. Als auf einer Versammlung der DAF am 15. Juni 1937 in Wernigerode der Gauobmann Knabe aus Magdeburg eine, wie Otto seinen Kollegen im Kartonagewerk gegenüber meinte, „an Dummheit nicht zu überbietende Rede“ hielt, gaben diese Kollegen seine Meinung sofort an die DAF weiter. Das Amtsgericht Wernigerode verurteilte ihn zu drei Monaten Gefängnis, seine Arbeit verlor er auch.
Nach dem missglückten Attentat auf Hitler 1944 wurden u. a. verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen, Außenlager Magdeburg gesperrt: Walter Niemann, Richard Bartels, Hermann Reichardt und Edmund Oberbeck.
1945 - 1950
Am 11. April 1945 marschierten die Amerikaner in Wernigerode ein. Am 20. April ergab sich die im Harz operierende 11. Armee.
Nach der Besetzung Wernigerodes wurden die von den Nazis verfolgten oder kaltgestellten politischen Kräfte wieder aktiv. Während die SED-Geschichtsschreibung wenig glaubhaft erwähnt, dass es zu einer (illegalen) Beratung zwischen den KPD-Mitgliedern August Willecke, Otto Deutsch, Reinhold Neumann und den SPD-Mitglieder Wilhelm Obendiek , Bernhard Schmidt und Heinrich Matscheroth gekommen sei, in dessen Folge Funktionäre beider Parteien beim amerikanischen Kommandanten vorstellig wurden, um zu erreichen, dass Antifaschisten die Positionen an der Spitze von Stadt und Kreis ein-nehmen konnten, berichten die Quellen Loops und Otto davon, dass der langjährige liberale Stadtrat Otto Büchting und Rechtsanwalt Momsen ein paar Tage nach der Besatzung durch den amerikanischen Kommandanten O’Donald den Auftrag erhielten, eine Vorschlagsliste zu erarbeiten für einen demokratischen Rat der Stadt und einen neuen Bürgermeister . Dieses geschah dann nach mehrfachen Besprechungen mit Vertretern ver-schiedener Parteirichtungen (Parteien waren im amerikanischen Sektor noch nicht zuge-lassen). Teilnehmer der Besprechung am 18.4.1945, die von Otto Büchting und Hermann Reichardt initiiert worden war, waren von der bürgerlichen Seite: Otto Büchting, Rechtsanwalt Voigt und Plander. Seitens der SPD nahmen teil: Max Otto, Richard Bartels, Paul Menger, Walter Niemann und als Vertreter für Reichardt, der krank war, Papendieck. Für die KPD waren bei dem Treffen: Otto Deutsch, Eichfeld und August Willecke. Am 19.4. wurde dem Vertreter des amerikanischen Kommandanten eine Liste mit Personen übergeben, die als neue Verwaltungsspitze in Betracht kämen, und diese wurde sofort bestätigt mit der Wirkung, dass Max Otto (für den nicht anwesenden Hermann Reichardt) Bürgermeister wurde und für die Polizei, die Verwaltung und die Sparkasse verantwortlich war. Das Sozialamt leitete der Kommunist Otto Deutsch, der auch 2. Bürgermeister wurde, die Liegenschaften oblagen Rechtsanwalt Momsen, das Wirtschaftsamt, Versorgung und Kartenausgabe: Plander, für die Stadtwerke war Richard Bartels verantwortlich, für die Schulen Paul Menger, für Finanzen und Forsten: Walter Niemann, das Bauamt leitete August Willecke und für den Schlachthof (später auch das Verkehrsamt) war Otto Büchting verantwortlich. Max Otto blieb Bürgermeister bis 1950.
Im April wurde auch der Landrat Paul Eichfeld (wohl SPD) eingesetzt, der bis zum 31.8.1945 in diesem Amt blieb, dann amtierte der Bürgermeister von Wernigerode Max Otto bis zum 3.9.1945, ehe Hermann Reichardt (SPD) bis 1947 Landrat wurde und dann durch seinen Stellvertreter Falkenbach (KPD) abgelöst wurde.
Bis zum Einmarsch der Roten Armee am 3. Juli 1945 arbeiteten die Parteien illegal. Trotzdem trafen sich schon am 8. Mai 1945 SPD-Mitglieder zu einer geheimen Gründungsversammlung und wählten Richard Bartels zum Vorsitzenden .
Es wurde Anfang 1946 im Kreis Wernigerode ein Organisationskomitee zur Bildung einer einheitlichen Arbeiterpartei geschaffen. Mitglieder von Seiten des SPD waren u. a. Richard Bartels, Heinrich Matscheroth Otto Goedecke, Paul Nawroth, Ernst Loops und Annemarie Wesche. Zur Leitung der gemeinsamen Parteiarbeit wurden 10 Kommissionen gebildet mit je einem Obmann und drei weiteren Mitgliedern. SPD geführte Kommissionen waren: Organisationskommission (von Wilhelm Obendiek geleitet), Volksbildungskommission (von Ernst Loops geleitet), Ernährungskommission (Leiter: Paul Navroth), Kommission für Kommunal- und Sozialpolitik (von Richard Bartels geleitet) und die Kommission für Agitation und Propaganda (Leiter: Otto Goedecke).
Auf Beschluss des Organisationskomitees der Provinz Sachsen-Anhalt wurden in der Zeit vom 2. bis 10. März 1946 in beiden Parteien Mitgliederversammlungen durchgeführt. In ihnen wurden die Delegierten für die Kreisparteitage sowie die jeder Partei zustehenden drei Mitglieder für die Gruppenleitungen der einheitlichen Partei gewählt. Die Wernigeröder SPD-Ortsgruppe tagte am 4. März 1946: Die Ortsgruppe wählte 25 Delegierte für den Kreisparteitag. Am 10. März wurden die Kreisparteitage beider Parteien getrennt (die SPD in der Aula der Wilhelm-Raabe-Schule, die KPD nebenan – im späteren Kulturhaus) durchgeführt. Beide Parteien wählten je 10 Kandidaten für den einheitlichen Kreisvorstand der SED, sowie Delegierte zur Bezirks- und Provinzkonferenz. Von den Tagungsorten fand dann eine gemeinsame Demonstration zur gemeinsamen Tagungsstätte im Gewerkschaftshaus Monopol statt. Dort wurden Karl Glänzel und Friedrich Müller als gleichberechtigte Vorsitzende gewählt. Es wurde eine Entschließung der Vereinigungskonferenz verabschiedet, die mit den Worten endete „Es lebe die Sozialistische Einheitspartei.“
Auf einer Liste vom 22. März 1946 sind folgende Ortsgruppenvorstände der SPD genannt: Die Vorsitzenden sind auch Co-Vorsitzende nach der Zwangsvereinigung zur SED in ihrem Ortsverein geworden – im Fall von Reddeber und Friedrich Ahrens gab es keinen Co-Vorsitzenden.
SPD-Ortsvereine: Vorstände (vor der Zwangsvereinigung) und Zahl der Mitglieder am 19.8.1946 der SED – in Klammern vormalige Mitgliedschaften:
Reddeber: Friedrich Ahrends & Heinrich Krebs; keine KPD (34 : 0)
Schierke: Franz Feder & Fritz Schmidt (120 SPD-Mitglieder : 80 KPD-Mitglieder)
Silstedt: Ernst Newie jun. (Vors.), Friedrich-Wilhelm Newie (Beisitzer), Hermann Schurig (Kassierer) und Arthur Weinert (Revisor) (36 : 15)
Minsleben: Karl Tscherney (Vorsitzender), Franz Fenzl (Beisitzer) und Karl Tacke (Kassierer) (91 : 32)
Offensichtlich irrt die bislang bekannte Quelle aus dem Landeshauptarchiv , nach der es mit Stand vom 1. April 1946 in Wernigerode 2.446 Sozialdemokraten und 1.822 Kommunisten gegeben haben soll . Alle nun gefundenen Quellen korrigieren die Zahlen der KPD-Mitglieder deutlich nach unten:
1945: 444 Mitglieder der KPD in Wernigerode
3.5.1946: SED-Mitglieder in Wernigerode: 3.268
4.5.1946: 2528 (ehemalige) SPD-Mitglieder in Wernigerode
555 (ehemalige) KPD-Mitglieder in Wernigerode
in der Stadt Wernigerode demnach 3083 SED-Mitglieder
19.8.1946: Bestätigung der vorgenannten Zahlen
Zusammenfassend lässt sich feststellen: In der Stadt Wernigerode waren in der SPD etwa fünf Mal mehr Mitglieder, als in der KPD.
Für den Kreis Wernigerode wurden folgende Zahlen überliefert (vorn das Datum der je-weiligen Liste) :
1.4. & 15.4.1946 6.317 / 6.303 SPD-Mitglieder im Kreis
6.304 SPD-Mitglieder im Kreis
2.797 (handschriftlich: 3.797) KPD-Mitglieder
im Kreis demnach 9.101 (oder 10.101) SED-Mitglieder
16.4.1946: 2.584 KPD-Mitglieder im Kreis (Angabe: Karl Glänzel)
SED im Kreis: 8.892 Mitglieder
4.5.1946: 6.622 (ehemalige) SPD-Mitglieder im Kreis
2.675 (ehemalige) KPD-Mitglieder im Kreis
im Kreis demnach 9.297 SED-Mitglieder
19.8.1946: 6611 (ehemalige) SPD-Mitglieder im Kreis
2.685 (ehemalige) KPD-Mitglieder im Kreis
im Kreis demnach 9.296 SED-Mitglieder.
Im Kreis waren in der SED immerhin knapp 29% der Mitglieder zuvor in der KPD organisiert.
Die Kommunalwahlen am 8. September brachten für die Stadt folgendes Ergebnis: SED: 19 Mandate; LDP: 13 Mandate; CDU: 8 Mandate. Damit hatte die SED keine absolute Mehrheit. Interessant ist allerdings die Zusammensetzung der gewählten SED-Fraktion. In einem undatierten Bericht heißt es, dass es bei der Aufstellung der Kandidatenliste einmal ernstliche Differenzen gegeben hat, da die ehemaligen KP-Anhänger zu wenig berücksichtigt waren. Bei den 20 an aussichtsreicher Stelle stehenden Kandidaten waren nur 2 Mitglieder der ehemaligen KP.
Entweder war das zu einer frühen Zeit der Kandidatenaufstellung – oder der Bericht stimmt nicht. Von den 19 Gewählten sind mit Karl Glänzel, Benno Hils, Reinhold Neumann, Wilhelm Pech und Hugo Linderhaus fünf Stadtverordnete definitiv Kommunisten gewesen. Bei Gustav Strauß kann die ehemalige KP-Mitgliedschaft vermutet werden. Bei Willi Fenkner und Georg Günther konnte die frühere Mitgliedschaft in einer Partei nicht ermittelt werden. Bleiben als ehemalige Sozialdemokraten definitiv zehn Stadtverordnete über. Das waren: Max Otto, Friedrich Kuring, Annemarie Wesche, Richard Bartels, Dr. Franz Wegener, Friedrich („Fritz“) Müller sen., Minna Bopp, Karl Läger, Heinrich Matscheroth und Paul Menger. Der Stadtverordnete Richard Bertram war 1945 im Antifa-Volksblock Wernigerode Schriftführer und Mitglied der LDP. Offensichtlich ist er zur SED übergetreten. Angesichts des Kräfteverhältnisses zwischen KPD und SPD in Wernigerode (etwa ein Kommunist auf fünf Sozialdemokraten) wurden die Kommunisten damit sogar weit überdurchschnittlich auf vorderen Listenplätzen berücksichtigt.
Aus der Stadtverordnetenversammlung schieden Max Otto (als dann gewählter Erster Bürgermeister), sowie Paul Menger und Richard Bartels (als Stadträte, neben dem Stadtrat Walter Niemann) aus. Für diese drei rückten Erich Riedel, Kurt Meyer und Emmi Donat nach. Kurt Meyer war früher Sozialdemokrat.
Als gewählte Mitglieder des Kreistages schieden Benno Hils, Hugo Linderhaus und Heinrich Matscheroth aus, für sie rückten der ehemalige Kommunist Erwin Kobylka, Erich Sonnert und Walter Hennings nach. Sonnert war früher Sozialdemokrat.
Aus gesundheitlichen Gründen verließ Willi Fenkner die Stadtverordnetenversammlung und wurde ersetzt durch den früheren Sozialdemokraten Hinrich Schultz. Am 3.11.1948 blieb Dr. Franz Wegener im Westen und wurde ersetzt durch Ernst Möhring. Am 19.4.1950 schied dann noch Georg Günther aus. Für ihn rückte der frühere Sozialdemokrat Karl Freidank nach.
Bis zur nächsten „Wahl“ am 15.10.1950 lässt sich also für die Stadtverordnetenversammlung zusammenfassend feststellen: Die SED profitierte davon, dass Wernigerode eine Hochburg der Sozialdemokratie war. Die Kommunisten waren und blieben (zunächst) in der Stadt spätestens seit Ende 1927 nicht mehr als eine Randgruppe. Im Stadtparlament hatte zwar die SED die zahlenmäßig stärkste Fraktion, aber nicht die absolute Mehrheit.
Anders als in der Stadt waren die Sozialdemokraten gegenüber den Kommunisten auf Kreisebene in Abteilungsleiterebene von Anfang an nicht in der Überzahl. So war zwar der Landrat bis 1947 ein Sozialdemokrat (zunächst Paul Eichfeld bis zu seiner Verhaftung, dann kurz Max Otto, dann Hermann Paul Reichardt). Strukturiert wurde die Kreisebene jedoch erst zum 15.10.1945 und damit unter sowjetischer Besatzung. Von neun Amtsleitern (inklusive dem stellvertretenden Landrat) waren mindestens sechs ehemalige Kommunisten, einer (Wilhelm Lange, der nur kurzzeitig als Leiter fungierte, um dann von einem weiteren ehemaligen Kommunisten abgelöst zu werden) parteilos, bei einem (Alfred Lange) ist hinter der früheren Parteimitgliedschaft, die mit „SPD“ angegeben wird, in der Quelle ein Fragezeichen zu finden und nur einer der Abteilungsleiter war früher definitiv Sozialdemokrat (Max Adermann). Am 4. Februar 1947 wurde die Kreisverwaltung nach der Wahl neu gebildet: Landrat wurde der ehemalige Kommunist Wilhelm („Willi“) Falkenbach. Zwei der neun Ressorts unterstanden ihm direkt. Jeweils zwei weitere Ämter wurden von Vertretern von CDU und LDP geleitet. Jeweils ein Amt leiteten die ehemaligen Kommunisten Johann Schillack und Herbert Stresow (jetzt SED) und der ehemalige Sozialdemokrat Heinrich Matscheroth (Arbeit und Soziales, jetzt SED). Somit war die Mehrheit der Leiter SED-Mitglied. Nach der Wahl 1950 verfestigte sich diese Konstellation weiter: Neben dem Landrat Falkenbach führte die SED vier der sieben Ämter (der alte Sozialdemokrat Heinrich Matscheroth war kein Leiter mehr), jeweils ein Amt wurde geleitet von einem NDPD-, CDU- und LDP-Mitglied.
Das Schicksal der Sozialdemokraten der ersten Stunde (nach dem Zweiten Weltkrieg) ist bezeichnend. Bürgermeister Max Otto und Landrat Hermann Reichardt wurden aus dem Amt „gelobt“, selbst bei Ottos Nachfolger Gustav Strahl ist diese Art von Amtsentzug nicht unvorstellbar. Der SPD-Vorsitzende und (besoldeter) Stadtrat von 1946 Richard Bartels ging nach diversen Parteiverfahren und mehrfacher Verhaftung in den Westen, auch der 1946-er Stadtverordnete Dr. Franz Wegener verließ den Osten, wie auch der mutmaßliche Sozialdemokrat und 46-er Stadtverordnete Georg Günther. In Ungnade fiel der 46-er Kreisrat Heinrich Matscheroth, wurde jedoch nicht wie der 46-er Stadtverordnete Karl Läger aus der Partei geworfen. Der 46-er Stadtverordnete Friedrich Kuring, wie Otto Goedecke schwer krank, starb 1953.
1989 - 1990
Die Situation für sozialdemokratische Ideen in der untergehenden DDR 1989 war durchaus vergleichbar mit der Situation der Sozialdemokratie am Ende des Sozialistengesetzes 100 Jahre zuvor. Es war verboten, politische Organisationen zu gründen, die den Machtanspruch der herrschenden Partei in Frage stellten. Waren es jedoch zu Zeiten des Kaisers vor allem gesellschaftskritische Gewerkschaften, die als „Fachvereine“ firmierten und „Volksbildungsvereine“ in denen – gerade auch politische – Bildung praktiziert wurde, fanden die Oppositionellen in der DDR vor allem unter dem Dach der evangelischen Kirche Zuflucht und konnten dort ihre politische Arbeit koordinieren. Dies war nicht ungewöhnlich, sind doch die sozialdemokratischen Urideale von Freiheit, Recht und Chancengleichheit auch christliche Werte. So bestanden während der gesamten DDR-Zeit kirchliche Gruppierungen, die sich kritisch mit der Gegenwart in dem halbstalinistischen System auseinandersetzen. Am Ende der DDR-Zeit kulminierte diese Kritik und schlug spätestens mit dem wachsenden Umweltbewusstsein Anfang der 80-er Jahre, der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986, den Verhaftungen von Dissidenten vor allem in Berlin, der befürwortenden Position der DDR-Regierung zur blutigen Niederschlagung der Freiheitsbewegung in Peking und den gefälschten Wahlen 1989 in offene Systemkritik um. Dies galt auch für Wernigerode. Lange Zeit gab es den Friedenskreis, eine kirchliche Gruppe, die sich mit grundsätzlichen gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigte. Ihm gehörten u. a. auch die späteren Gründer der Sozialdemokratischen Partei in Wernigerode Siegfried Siegel (gleichzeitig erster Geschäftsführer der wiedergegründeten zunächst SDP heißenden Sozialdemokratischen Partei und später auch Ortsvereinsvorsitzender), Hans-Ulrich Werther, Klaus-Peter Buchmann (beide nach der Gründung des Ortsvereins dessen Sprecher) und Ludwig Hoffmann (seit 1994 SPD-Oberbürgermeister von Wernigerode) an. Insbesondere die theoretische Vorarbeit hinsichtlich der Gründung des „Neuen Forums“ und der SDP auch in Wernigerode wurde im Friedenskreis, im seit im zweiten Drittel der 80-er Jahre gebildeten „Arbeitskreis für Menschenrechte in der DDR“ im Pädagogisch-Theologischen Institut, aber auch z. B. in den Privatwohnungen wie der von Siegfried Siegel oder der des späteren stellvertretenden Bürgermeisters Klaus-Peter Buchmann geleistet. Doch auch eine weitere Parallele zur Situation 100 Jahre zuvor wurde 1989 deutlich: Gründete man in der Zeit des Sozialistengesetzes sozialdemokratisch beeinflusste Turn- und Gesangsvereine, waren es in der DDR vor allem Liedermacher und Bands, die in einer gleichgeschalteten Medienwelt als einzige ein größeres – und oft junges – Publikum mit gesellschaftskritischen Texten erreichen konnten. Dies wurde von den DDR-Machthabern schon früh als Bedrohung (neben der Beeinflussung durch „westliche Fernseh- und Radiosender) gesehen. Es gab deshalb die Praxis der „Auftrittserlaubnis“, die die Künstler erst nach dem Vorstellen ihres Programmes vor einer Kommission erhielten – oder auch nicht. Diese Erlaubnis konnte jederzeit widerrufen oder mit Auflagen versehen werden. Bands, von denen „Renft“ Mitte der 70-er Jahre sicher die bekannteste war, wurden durch staatliche Maßnahmen aufgelöst, Musiker nach Gefängnisandrohung ins Ausland getrieben oder – wie 1976 Wolf Biermann – nicht wieder zurück in die DDR gelassen. Mitte der achtziger Jahre, als die Unzufriedenheit und die Perspektivlosigkeit junger Leute in der DDR stieg, formierten sich immer wieder und überall neue Bands und traten kritische Liedermacher auf, die ihre Aufrittserlaubnis zuvor durch ein extra für die „Einstufungskommission“ abgeschwächtes – aber dann nie so dargebotenes – Programm erhielten. In Wernigerode gründeten 1986 der Dreher, spätere SPD-Mitbegründer und erste Juso-Vorsitzende Thomas Richardt und der Transportarbeiter und Liedermacher Ralf Mattern (später stellvertretender SPD-Ortsvereinsvorsitzender) mit den beiden Produktionsarbeitern Michael Fey und Manfred Niedung eine Band namens „Flexibel“, die mit den in den Texten von Mattern gestellten Forderungen nach Reise- und Meinungsfreiheit, nach einem – auch staatlich praktizierten – Umweltschutz und nach einer pluralistischen Demokratie unabhängig von den Kirchengruppen die gleichen Forderungen wie diese stellte. Natürlich hatten beide Gruppierungen mit den „Tücken“ des Systems zu kämpfen: Das Überwachungssystem sorgte dafür, dass beispielsweise Ralf Mattern, nicht nur als Texter der Band, sondern als ein Kopf der von der Staatssicherheit so bezeichneten „Gruppe Grüne Alternative“ mehrfach zur Staatssicherheit vorgeladen wurde, um dort mit Haftandrohungen konfrontiert zu werden, weiterhin befohlen wurde, neben zwei Spitzeln im Musik-Umfeld „weitere“ Spitzel im „Arbeits-, Wohn-, und Freizeitbereich“ einzusetzen, und seine Post kontrolliert wurde. Die Unterlagen von Siegfried Siegel sprechen von mehreren Spitzeln, die über ihn zu berichten hatten. Auch bei ihm waren Denunzianten in der Oppositionsgruppe eingesetzt. Angesichts der fehlenden Vernetzung (Telefone hatten Seltenheitswert) trafen die Kirchengruppe um die späteren Bündnisgrünen Peter Lehmann, Rainer Schulz und Andreas Heinrich sowie die bereits erwähnten späteren Sozialdemokraten und die durch Einberufungen von Unterstützern und Mitgliedern zur Armee dezimierte Gruppierung um die im Sommer 1989 durch Polizeiauflagen quasi verbotene Band erst im Herbst 1989 aufeinander – bei der Gründung des „Neuen Forums“ in Wernigerode, die ursprünglich als Party für die Einrichtung einer – dringend nötigen – Umweltbibliothek konzipiert war, und bei der Mattern – als Liedermacher – unter dem Dach der Kirche auftreten sollte. Während also der Gründung der SPD in Wernigerode im Jahr 1900 vor allem gewerkschaftliche Aktivitäten voraus gingen, waren es 1989 Fragen der Menschenrechte, der Friedenspolitik, des Umweltschutzes und der fehlenden Perspektive für junge Menschen, die dann zur „Wende“ und zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei führten. Bis die Partei jedoch endgültig in Wernigerode Anfang Januar 1990 gegründet wurde, führte der Weg über das „Neue Forum“ – eine politische Vereinigung von Unzufriedenen, die schnell Massenzulauf bekam. Dies zeigte sich auch in Wernigerode: Am 19. September 1989 sollte durch einige Protagonisten der Wernigeröder Umweltschutzszene, wie Christina Schulz und ursprünglich auch dem dann allerdings im August über Ungarn nach Westdeutschland geflohenen Stefan Hilchenbach, in der „Kontaktlinse“, dem „Diensthaus“ des Jugendpfarrers Karl-Heinz Nickschick am Oberpfarrkirchhof, ein Ableger der Berliner „Umweltbibliothek“ eingeweiht werden. Durch die damalige Dynamik der gesellschaftlichen Krise in der DDR stand jetzt jedoch die Gründung des „Neuen Forums“ an. Etwa ein Dutzend Leute hatte sich dort versammelt. Wie sich herausstellte, gab es zwei Fraktionen der Anwesenden: Eine, die unbedingt in die BRD ausreisen wollte und eine Gruppe – und das waren die Leute, die tatsächlich jahrelang unter persönlichen Risiken auf die „Wende“ hingearbeitet hatten – die den Aufruf des „Neuen Forums“ diskutierte und ihn zum Unterschreiben vorlegte. Man einigte sich darauf, sich jede Woche erneut zu treffen und bis dahin den Aufruf des „Neuen Forums“ wie auch immer bekannt zu machen. Am 26. September – also eine Woche später – waren die Räume am Oberpfarrkirchhof schon fast überfüllt. Etwa doppelt soviel Leute wie beim ersten Mal wollten nun den Gründungsaufruf des „Neuen Forums“ unterzeichnen. Eine Woche später, am 3. Oktober, dem Tag, an dem die Grenze zur CSSR geschlossen wurde, konnten die Räumlichkeiten am Oberpfarrkirchhof die interessierten Bürger nicht mehr fassen. Am 9. Oktober, nachdem die Demonstrationen in den Großstädten nicht zusammengeschossen wurden und auch in Wernigerode die Anhänger des „Neuen Forums“, die am 7. Oktober mit selbst gebastelten Stickern durch die Stadt spazierten, trotz „Beschattung“ nicht verhaftet wurden, war eigentlich klar, dass Veränderungen nun schwerlich aufzuhalten waren. Als am 10. Oktober vor lauter Interessierten das Haus am Oberpfarrkirchhof kaum noch zu erreichen war, verabredete man sich am Mittwoch, dem 11. Oktober, ins Evangelische Altersheim „Harzfriede“ im Mühlental, um im dortigen Saal diskutieren zu können. Es kamen allerdings soviel Menschen, dass auch der Saal im „Harzfriede“ zu klein wurde. Im Vorfeld hatte jedoch die Polizei verlangt, dass es keinesfalls zu einer Kundgebung unter freiem Himmel kommen dürfe. So zog man dann – nach Absprache mit der Polizei – zur Kirche St. Johannis in die Pfarrstraße. Von der Polizei wurde die Auflage erteilt, nur den Fußweg zu benutzen, die Organisatoren um den – späteren Bündnisgrünen Aktivisten – Pfarrer Peter Lehmann „überrumpelten“ die Polizei, in dem sie nicht die nahegelegenere Liebfrauenkirche sondern die entferntere St.-Johannis-Kirche (wo das spätere SPD-Mitglied Heinrich Hamel Pfarrer war) als neuen Treff vorschlugen – mit mehreren hundert Menschen wurde dieser „Umzug“ zu einer – noch stillen – Demonstration durch die gesamte Innenstadt. Dort wurde dann auch offiziell das „Neue Forum“ für Wernigerode gegründet. Kontaktadressen wurden verteilt. Von den mutigen 16 Bürgern, die auf der Kontaktliste Ansprechpartner der Bevölkerung mit samt ihren Adressen wurden, hat sich übrigens der Großteil später bei der SPD und den Bündnisgrünen politisch betätigt und organisiert. Auch die etwas Zurückhaltenden kamen (wieder dienstags) nun am 17. Oktober zur nächsten Zusammenkunft des „Neuen Forums“, die aus Platzgründen in der Sylvestriekirche stattfand. Am 24. Oktober traf man sich gleich in zwei Kirchen (Liebfrauen und St. Sylvestrie). Wie die „LDZ“ schrieb „diskutierten Tausende Menschen die Probleme unserer weiteren gesellschaftlichen Entwicklung in der Sylvestrie- und der Liebfrauenkirche“. Im Anschluss daran kam es zu einer Demonstration zum Markt, bei der dann – wie die „Volksstimme“, das Organ der SED, seinerzeit bedauernd feststellte – durch die mitgebrachten Kerzen die neue Rathaustreppe „verschmutzt“ wurde. Nach der Entmachtung Honeckers sahen sich auch die hiesigen Funktionäre gezwungen, auf die Dialogvorschläge des „Neuen Forums“ einzugehen. So kam es dann auch zu einer Einladung seitens des Rates des Kreises in das damalige Kulturhaus in der Albert-Bartels-Straße und zu einer weiteren, gleichzeitig stattfindenden Veranstaltung durch den Rat der Stadt im Rathaus am 25. Oktober. Da mittlerweile hunderte Interessierte nicht im Saal des Kulturhauses Platz fanden, erklärte sich Pfarrer Schäfer bereit, für die Diskussion die größte Kirche der Stadt, die Liebfrauenkirche, erneut zu öffnen. Vor dem Altar sitzend hatten dann die sich stets besonders atheistisch gebenden Funktionäre der SED-Kreisleitung und des Rates des Kreises Gelegenheit, mit der Bevölkerung in die Diskussion zu treten. Dies war zugleich der Höhepunkt der basisdemokratischen Revolution in Wernigerode. Am 4. November fand eine große Demonstration durch die gesamte Stadt statt. Die etwa 4000 Menschen demonstrierten auch an der Kreisstelle des Ministeriums für Staatssicherheit in der Goethestraße, wo man besonders laut „Stasi in die Produktion“ verlangte. Mit der Öffnung der Grenzen am 9. November endete die Revolution in den Kirchen und auf der Straße auch in Wernigerode. Einige Aktivisten beteiligten sich noch an installierten „Runden Tischen“ auf Stadt- und Kreisebene, die jedoch spätestens mit der Kommunalwahl im Mai 1990 ihre Legitimation verloren.
Bereits kurz nach der Gründung der SDP in Schwante am 7. Oktober kam es auch in Wernigerode zu ersten Aktivitäten hinsichtlich einer Parteigründung. Herbert Schneider aus Halberstadt nahm unter anderem Kontakt mit Siegfried Siegel auf und brachte den Text „Bildung der Initiativgruppe SDP in der DDR“ von Markus Meckel und Ibrahim Böhme mit. Als einer der ersten trat Siegel in die SDP ein. Das geschah, indem man auf einem Vordruck seinen Willen erklärte, Sozialdemokrat zu werden, diesen Vordruck dann Vertrauensleuten (in diesem Fall war das Herbert Schneider) mitgab, die diese Dokumente wiederum auf Bezirksebene sammelten.
In der damals herrschenden Aufbruchstimmung sind viele als Gründung apostrophierten Versammlungen von Interessierten letztlich folgenlos geblieben. Ein erstes Gespräch mit etwa einem Dutzend Bürger fand am 13.11.1989 in der ehemaligen Suptur des Kirchenkreises Wernigerode statt. Schließlich bildete sich eine Initiativgruppe mit Klaus-Peter Buchmann, Siegfried Siegel, Hans-Ulrich Werther und Klaus Fischer aus Elbingerode, die während des Novembers und Dezembers die Parteigründung vorbereitete und gleichzeitig die SDP an den Runden Tischen der Stadt und des Landkreises vertrat, sowie die Kontakte zu Markus Meckel in Niederndodeleben und Willi Polte in Magdeburg pflegte. Bei der Brockenöffnung am 3. Dezember wurde durch Siegfried Siegel Kontakt zum Ilsenburger Joachim Dähnn hergestellt. Mit einem Presseaufruf wurde dann am 19.12.1989 zur Gründungsversammlung in das Kreiskulturhaus in der Albert-Bartels-Straße aufgerufen und eingeladen. In einem vollbesetzten Saal scheiterte nach einem turbulenten Versammlungsverlauf der Gründungsversuch an unüberbrückbaren Differenzen der Diskutanten und offensichtlich gezielt destruktiven Beiträgen.
Im Dezember 1989 veröffentlichte die „Initiativgruppe der SDP Wernigerode“ unter der Überschrift „Begriff mit Leben erfüllen“ folgende Grundsatzerklärung: Warum nicht auch Massenbewegung in der Wirtschaft? Mit großer Sorge betrachten wir die sehr emotional geführte Diskussion über die Frage der deutschen Einheit. Wir erkennen die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit unseres Volkes an. Damit sind künftige Optionen im Rahmen einer europäischen Friedensordnung nicht ausgeschlossen. Aber sie können jetzt nicht handlungsorientierte politische Ziele sein. Mit der BRD verbinden uns eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Zugehörigkeit zu einer Nation. Dazu kommen millionenfache verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Menschen. Doch eine fast 45jährige Nachkriegsgeschichte, die die beiden deutschen Staaten in feindliche Bündnisse gezogen hat, führte zu recht unterschiedlichen Entwicklungen, eingebettet in eine ganz bestimmte europäische Konstellation. Das läßt sich nicht einfach wegwischen. Von einem geeinten Deutschland sind zwei verheerende Weltkriege ausgegangen. Von daher lassen sich die Ängste unserer Nachbarn vor einem „Großdeutschland“ ableiten. Selbstverständlich bekennen wir uns als Sozialdemokraten zur Einheit! Willi Brandt brachte es mit den Worten „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!“ auf den Punkt. Dies aber bedeutet auch, daß man einem solchen Prozeß eine Wachstumsphase einräumt, eine Zeit der Entwicklung zur Reife. Das Volk der DDR hat sich, im Gegensatz zur BRD, seine Freiheiten bitter erkämpfen müssen. Wir Sozialdemokraten meinen, daß diese erstrittenen Freiheiten durch einen schnellen Anschluß an die BRD nicht eilfertig verschenkt werden dürfen. So würde beispielsweise die sofortige Einführung der bundesdeutschen Marktwirtschaft große soziale Probleme für die DDR-Bevölkerung mit sich bringen. In der BRD gibt es gegenwärtig über zwei Millionen Arbeitslose und mehr als 500.000 Obdachlose. Der Zustand unserer Wirtschaft aber läßt vermuten, daß diese Zahlen bei uns um ein Vielfaches ansteigen würden. Wieder hätten die Massen des „einfachen Volkes“ die Folgen einer verfehlten Wirtschaftspolitik zu tragen. Hier ist zu fragen: Ist dafür in den letzten Wochen und Monaten demonstriert worden? Die SPD muß dies mit einem eindeutigen NEIN beantworten! Die Initiativgruppe der SDP in Wernigerode ist der Meinung, daß ein Volk, das seine unfähige Regierung aus dem Amt getrieben hat, auch in der Lage sein muß, die heruntergekommene Wirtschaft ohne derartige Opfer zu sanieren. Die politische Wende in der DDR wurde durch eine Massenbewegung herbeigeführt. Warum sollte eine Wende in der Wirtschaft auf diesem Wege unmöglich sein?! Die meisten Betriebe in unserem Land werden immer noch als Volkseigentum bezeichnet. Nach Ansicht der SDP gilt es jetzt, diesen Begriff durch die Phantasie aller Arbeitnehmer mit Leben zu erfüllen.
Am 2. Januar 1990 war es dann soweit – die Sozialdemokraten Wernigerodes schlossen sich nach fast 44 Jahren wieder offiziell und legal zu einer Organisation zusammen. Gründungsmitglieder der Wernigeröder SDP waren: Günther Hotopp, Ingolf Sallier, Michael Weber und Karl Bührig aus Darlingerode, Joachim Dähnn und Wilfried Obermüller aus Ilsenburg, Birgit Gehrke aus Drübeck und die Wernigeröder Klaus-Peter Buchmann, Hans-Ulrich Werther, Wolfgang Grothe, Edith Ackermann, Horst Ackermann, Thomas Richardt, Randolf Brückner, Siegfried Siegel und Uwe Lemke. Die Sozialdemokraten Hubert Jahns und Rüdiger Wollschläger aus Seesen standen der Gründung beratend zur Seite. Als Sprecher wurden Klaus-Peter Buchmann und Hans-Ulrich Werther, als Schatzmeisterin Birgit Gehrke und als Geschäftsführer – quasi kommissarischer Vorsitzender – wurde Siegfried Siegel gewählt und als verantwortlich für die verschiedenen Politikfelder bestimmt.
Am 9. Januar erschien in der „Volksstimme“ unter der Überschrift „Anknüpfen an alte Traditionen“ folgende Pressemitteilung: Am 2. Januar haben die Sozialdemokraten von Wernigerode ihren Ortsverband gegründet. Das Büro befindet sich im Gebäude der ehemaligen SED-Kreisleitung, Lindenallee 27. Wir Sozialdemokraten sind uns der Problematik, dieses Gebäude zu nutzen, bewußt; schon manches kritische Wort ist darüber geäußert worden. Aber um schnellstens arbeitsfähig zu werden, haben wir uns entschlossen, die im Zusammenhang mit der Wende freigelenkten Räume zu nutzen. Wir Sozialdemokraten wollen dazu beitragen, diesem Haus einen neuen Charakter zu verleihen. Wir rufen die Parteien auf, unserem Beispiel folgend, ebenfalls dort Räume zu beziehen. Nur so kann aus dem „Haus der Einheit“ ein „Haus der Demokratie“ werden. Hinzu kommt natürlich noch, daß der dringend benötigte Wohnraum im Stadtgebiet, der z. Z. von anderen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen blockiert wird, auf diesem Wege wieder Wohnraum würde. Die harztypische Lage des alten Kronprinzenpalais läßt es aber auch überlegenswert erscheinen, dieses Haus für eine noch bessere Nutzung (z. B. Ferien- oder Erholungsheim) völlig zu räumen. Wir Sozialdemokraten könnten uns vorstellen, gemeinsam mit allen anderen Parteien in das nicht voll ausgelastete Kreiskulturhaus oder in eine frei werdende Verwaltung umzuziehen. Leider verfügt die SDP Wernigerode noch nicht über einen eigenen Telefonanschluß und ist bis auf weiteres unter der Sammelnummer der SED-PDS 36351 zu erreichen. Wir hoffen aber bei der Gleichberechtigung aller Parteien und Gruppen im Wahlkampf, auch dieses Defizit bald als ausgeglichen melden zu können. Mit der Gründung des sozialdemokratischen Ortsverbandes knüpfen wir sehr bewußt an eine alte, über 125jährige Tradition der deutschen Sozialdemokratie an, deren Gründung einst in der weiteren Umgebung des Harzes stattfand. Seitdem ist die Geschichte der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland von einem wechselvollen Auf und Ab gekennzeichnet. Da die „Volksstimme“ die Zeitung der Sozialdemokraten im Land Sachsen-Anhalt gewesen ist, rechnen auch wir heute, im Blick auf die Wahl am 6. Mai, auf eine fruchtbare Zusammenarbeit mit der Redaktion. Wir hoffen, daß andere Gruppen, die nicht über eine eigene Zeitung verfügen, in der „Volksstimme“ ein Sprachrohr finden, so daß ein fairer Kampf um die Gunst der Wähler möglich wird. Wir Sozialdemokraten wollen Interessenvertreter der Arbeiter und der werktätigen Bürgerinnen und Bürger in Stadt und Land sein. Durch die Wende sind viele Aufgaben und Probleme sichtbar geworden, die nur durch demokratische Parteien gelöst werden können. Als Ortsverband stehen wir hinter den Entscheidungen der Sozialdemokraten in der DDR und setzen uns dafür ein, daß Entscheidungen, die für die ganze Bevölkerung getroffen werden müssen, nur parlamentarisch durchgesetzt werden können. Für Hinweise, Kritiken, Informationen ist unser Büro zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag, Mittwoch und Freitag jeweils von 16 bis 17.30 Uhr. Vorstand der SDP
Bereits auf der 2. Mitgliederversammlung am 10. Januar 1990 wurde beschlossen, „einen Schaukasten am Busbahnhof Westernstraße zu installieren, und sich nicht mehr an Montagsdemos zu beteiligen“. Außerdem wurde ein Kreisverband gegründet. Der Wernigeröder Ortsverein blieb lange Zeit der treibende Part im Kreis.
Anfang Januar bekamen die Wernigeröder Genossen Post aus Magdeburg. Ein bezeichnendes Angebot dokumentierte ein Schreiben des Kreisverbandes der Jungen Union aus Wernigerodes Partnerstadt Neustadt an der Weinstraße vom 22.12.1989, welches zunächst an den Magdeburger SPD-Mitbegründer Willi Polte gerichtet, aber dann von Willi Polte nach Wernigerode weitergeleitet wurde, in dem die Nachwuchsorganisation der West-CDU der SDP Hilfe und Unterstützung anbot, um „das Herrschaftswissen und das Meinungsmonopol der SED zu brechen“. Offensichtlich war für die westdeutschen Christdemokraten die ostdeutsche CDU wegen deren Verstrickung mit der SED (noch) kein potenzieller Bündnispartner.